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Revolutionärer
Zorn Nr. 6 - Januar 1981
Der Wind dreht sich - die Zeichen stehen auf Sturm
Es ist eine Binsenwahrheit, daß die Guerilla jeden Fehler
doppelt und dreifach bezahlt. Jeder Irrtum, der ihr unterläuft,
jede Entscheidung für eine falsche Aktionsform schlägt
auf sie zurück und zwar in einem Maße, daß es ihre
politische und organisatorische Existenz bedroht. Eigene Unzulänglichkeiten
- Unachtsamkeit, Großspurigkeit, Eitelkeit, Selbstüberschätzung
- können schnell zu Fallstricken eines Zusammenhangs werden,
der klandestin agiert. Schon kurze Momente von Gedankenlosigkeit,
von Unaufmerksamkeit, von mangelnder Konzentration genügen,
um sich den Bullen preiszugeben. Unerfahrenheit oder - die Kehrseite
- Routine, übertriebene Vorsicht wie überhebliche Selbstsicherheit
können der Grund sein, daß man unbewußt die eigene
oder die Sicherheit, das Leben, die Gesundheit anderer Militanter
riskiert. Da sich bewaffnete Politik nicht in Planspielen durchexerzieren
läßt, sondern sich immer und unmittelbar in der Konfrontation
mit der Realität bewähren muß, ist es ein Kampf
auf des Messers Schneide.
Wir
haben in der Vergangenheit Fehler gemacht und dafür einstecken
müssen. Daß wir uns deshalb seit einiger Zeit zurückgezogen
haben, ist nicht nur dem BKA nicht entgangen. Es ist jedoch Propaganda
der Bullen, wenn sie sich heute hinstellen und behaupten, sie wären
uns mit ihren Computern, mit Rasterfahndung und Spezialeinheiten
auf die Schliche gekommen. Sie brauchen diese Lüge, nicht nur
um sich selbst und der ganzen Welt gegenüber den Aufwand zu
legitimieren, den sie betreiben, sondern vor allem, um zu demonstrieren:
ein Konzept bewaffneten Widerstands, der sich in autonomen Kernen
organisiert, hat in den Metropolen keine Chance. Es verfängt
sich über kurz oder lang in den Netzen, die der sozialtechnokratische
Überwachungsstaat ausgeworfen hat. Keine Frage, die Technologie
politischer Kontrollen, die sie in den 70er Jahren als Waffe gegen
den realen wie den potentiellen "inneren Feind" geschmiedet
haben, hat die Bedingungen der Organisierung von Illegalität
verändert, hat sie zunächst erschwert. Aber sie hat bestehende
Ansätze weder zunichte noch ihre Verbreitung unmöglich
gemacht. Selbst das dichteste Netz besteht bekanntlich aus Löchern.
Nein, die Rückschläge, die wir erlitten haben, brauchen
sich die Bullen wahrlich nicht als ihre Erfolge ans Revers zu heften.
Sie sind vielmehr dem Umstand geschuldet, daß wir in diesem
Land begonnen haben,in dem selbst die historische Realität
eines bewaffneten Antifaschismus dem Vergessen preisgegeben wurde,
weil nicht sein kann, was nicht sein darf; in dem es galt und gilt,
bewaffneten Widerstand erstmal denkbar und praktizierbar zu machen.
Mangelnde Erfahrung sowie unsere eigenen Unzulänglichkeiten
als Subjekte, die ihre Identität und Freiheit im Kampf um ein
menschenwürdiges Leben aufgehoben sehen und doch zugleich als
Kinder dieser jämmerlichen Gesellschaft mit ihrem Dreck behaftet
sind, waren in den zurückliegenden Jahren immer auch eine Quelle
von Fehlern, die den Bullen ihre Arbeit erleichtert haben. Die Fähigkeit
zu Selbstkritik, der Mut, scheinbare Sicherheiten und Selbstverständlichkeiten
immer wieder in Frage zu stellen, also Leben statt Erstarrung sind
deshalb grundlegende Bedingungen eigenen Überlebens.
Nicht zuletzt deshalb zielte der Angriff jener antiterroristischen
Kreise, die sich hinter dem geläuterten Horst Mahler [5]
und einem reuigen Hans- Joachim Klein verschanzen, auch darauf,
die Guerilla auf das Gleis der Dementis zu zwingen und ihr um jeden
Preis die Ebene der Kritik und Selbstkritik zu verbauen. Von Leuten,
für die am Anfang der "Rückkehr in die Menschlichkeit"
[6] die Wiederherstellung
des Dialogs mit der Macht steht, kann man schlecht erwarten, daß
sie im gleichen Atemzug die ernstgemeinte Auseinandersetzung mit
den subersiven Teilen der Bewegung suchen. Sie können die Realität
bewaffneten Widerstands nur denunziatorisch bewältigen. Die
"Anekdoten aus der Unterwelt", die Gerüchte, die
widerlichen Phantasien und Projektionen, der ganze Dreck, der dort
gleich kübelweise ausgeschüttet wird, zeichnet nicht nur
ein Bild von der Menschlichkeit, die sie meinen. Daß mit der
Heftigkeit zur Sache gegangen wird, verrät zugleich das politische
Kalkül des Angriffs. Die Behauptung eigendynamischer Entwicklungen
innerhalb der Guerilla, die sich quasi mit Naturgewalt hinter ihrem
Rücken Geltung verschaffen, zielt darauf, Lernprozesse überhaupt
zu verhindern. Wenn der einzelne Militante wie die Gruppe als ganze
immer nur Opfer übermächtiger Strukturen sind, kann Erfahrung
nichts anderes als Selbstbetrug sein. Weil sich diese ehemaligen
Häuptlinge der APO der Aufgabe verschrieben haben, alles zu
bekämpfen, was sich nicht in die tugendhaften Pfade der Re-
Institutionalisierung und Selbstgettosierung der Bewegung in den
Alternativen einzwängen lassen will, ist ihnen schon die Fähigkeit
der Selbstkritik ein Dorn im Auge. Sie wissen: nicht daß man
Fehler macht, ist der Fehler, sondern, daß man sie nicht beizeiten
erkennt. Eigene Fehler zu begreifen, beinhaltet auch immer die Möglichkeit,
gestärkt aus den Rückschlägen hervorzugehen. Die
Vermittlung von Erfahrungen in die Bewegungen hinein, heißt
zugleich, daß sie in kommenden Auseinandersetzungen Ausgangspunkt
eines Schrittes nach vorn werden können.
Das ist der Grund, warum wir diese Zeitung machen. Wir wollen Erfahrungen
weitergeben an Gruppen, an Genoss/inn/en, die ihre eigene Praxis
in der Kontinuität autonomen Widerstandes definieren, die begriffen
haben, daß der revolutionäre Kampf viele Gesichter hat
und die willkürliche Trennung von legalen und illegalen Aktionsformen
nur eine Erfindung von Leuten ist, die uns ein Faustpfand aus der
Hand nehmen wollen. Dabei lassen wir uns bewußt nicht auf
die Ebene der Diskussion ein, wie sie uns aus Westberlin und Frankfurt
[7] oft genug vorgegeben
worden ist. Wer darauf hofft, sollte nicht weiterlesen. Dementis
können nicht das Mittel sein, mit dem Linke ihre Glaubwürdigkeit
unter Beweis stellen. Wir haben uns lange genug mit dem falschen
Adressaten beschäftigt, nicht nur, weil wir fälscherweise
das, was diese Szene mit Hilfe der von ihr kontrollierten Meinungskonzerne
(ID, Pflasterstrand, TAZ) verbreitet hat, mit dem Stand und der
Tendenz der Bewegung insgesamt verwechselt haben, sondern auch,
weil wir den Anpassungsprozeß von Leuten nicht wahrhaben wollten,
mit denen uns wichtige Etappen in der Geschichte der Revolte verbinden.
Daß wir darüber auf einem Auge blind geworden sind für
neue Ansätze von Subversivität, für andere militante
Kerne, die sich fernab von dieser Scene und davon unberührt
gebildet und ausgebreitet haben, sollte ihr einziger Erfolg gewesen
ein.
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