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Revolutionärer
Zorn Nr. 4 - Januar 1978
Das große Fressen
Der Schlüssel für die neue imperialistische Invasion
in die Länder der 3. Welt liegt in der Entwicklung einer neuen
internationalen Arbeitsteilung, die sich von der bisherigen qualitativ
unterscheidet. Wurden bislang darunter die Metropolen als Industriezentren,
die jeweiligen Peripherieländer (Europa: Portugal, Spanien,
Irland usw.) als Produktionsstätten für arbeitsintensive
Produktion und die 3. Welt als Rohstofflieferant verstanden, so
macht die neue internationale Arbeitsteilung mit dieser Borniertheit
Schluß. Produktionsanlagen werden zunehmend dorthin verlagert,
wo sie nach dem Kapitalverwertungsgesetz am rentabelsten sind. Und
rentabel sind in den Metropolen aufgrund der hohen organischen Zusammensetzung
des Kapitals (= vereinfacht gesagt, der Wert der
Produktionsmittel und der Wert der Arbeitskraft, d.h. die Gesamtsumme
der Arbeitslöhne) in diesen Ländern nur noch in begrenzten
Bereichen. Der Hauptgeschäftsführer des DIHT, Broicher,
nennt diese Bereiche, mit der dem Kapital eigenen Perversion "Die
Bereiche der intelligenten Produktion".
Die volle Subsumierung der 3. Welt unter das multinationale Kapital
als mögliche Produktionsstätten ist jedoch an Voraussetzungen
geknüpft, die sich erst Ende der 60er Jahre voll realisierten:
"Erstens hat sich im Laufe der Zeit in den Entwicklungsländern
ein praktisch unerschöpfliches Potential disponibler Arbeitskräfte
herausgebildet. Diese Arbeitskraft ist sehr billig, kann praktisch
alle Stunden des Jahres zur Produktion mobilisiert werden (Schicht-
, Nacht- und Feiertagsarbeit), kann in vielen Fällen nach kurzer
Anlernung eine Arbeitsproduktivität entwickeln, die derjenigen
in vergleichbaren Produktionen der traditionellen Industrieländer
entspricht, kann schneller ausgelaugt werden, da Ersatz jederzeit
leicht beschaffbar ist und kann schließlich angesichts des
großen Überangebots arbeitssuchender Menschen sehr spezifisch
ausgewählt werden (nach Alter, Geschlecht, Qualifikation, Disziplin
usw.).
Zweitens erlaubt eine hinreichend weit getriebene Fragmentierung
des Produktionsprozesses, daß die meisten dieser Fragmente
von niedrig qualizifierter Arbeitskraft (im Sinne von kurzen Anlernzeiten)
ausgeführt werden können.
Drittens ermöglicht die Entwicklung der Transport-
und Kommunikationstechnologie in vielen Fällen, Voll- oder
Teilfertigungen an beliebigen Standorten weltweit vornehmen zu lassen,
ohne daß dies durch Transport- oder Steuerprobleme technisch,
organisatorisch oder kostenmäßig unmöglich gemacht
würde." (Fröbel/Heinrichs/Kreye: Die neue internationale
Arbeitsteilung, S. 30) [32]
Konkret heißt das: Das multinationale Kapital hat sich die
Möglichkeit geschaffen, Massen- und Standardgüter, also
nicht nur arbeitsintensive, sondern auch rohstoff- , energie- und
pollutions- (= umweltbelastend) und kapitalintensive Produktionen
in den Ländern der 3.Welt herstellen zu lassen, indem es vornehmlich
sehr junge Frauen für 10 bis 20% des Lohns der Industrieländer
kurzfristig auspresst, um sie dann wieder durch "frische Kräfte"
ersetzen zu lassen. Angesichts dieser gigantischen Profitraten fallen
Transportkosten nicht wesentlich ins Gewicht. Es lohnt sich z.B.
für die bundesdeutsche Autoindustrie, Getriebe in Brasilien,
Einspritzpumpen in Indien und elektronische Bauelemente in Singapur
und Malaysia herstellen zu lassen.
So ist auch der Welthandel im Wesentlichen nicht mehr Warenaustausch
zwischen Volkswirtschaften, sondern zu einem Warenaustausch zwischen
Unternehmen geworden.
"Die meisten Nationen des Erdballs werden durch die internationale
Arbeitsteilung ökonomisch wie ökologisch zu abhängigen
Monokulturen. Jede nationalstaatliche Krisentheorie setzt sich heute
der Lächerlichkeit aus, indem sie die Abhängigkeit vom
Weltmarkt ignoriert. Die durch das transnationale Kapital vollzogene
Angleichung der herkömmlichen nationalstaatlichen Krisen- Zyklen
ist so gut wie abgeschlossen.
Überproduktion und Unterkonsumtion treten gleichzeitig auf.
Die dominierenden Zentralmächte des Weltmarktes (USA, UdSSR,
Europa, Japan, OPEC etc.) stehen nun vor einer ähnlichen Situation
wie ehedem der Nationalstaat. Wollen sie nicht von vorneherein aus
dem Kreis derer herausfallen, die die letzten globalen Deals mitbestimmen,
die für das Überleben der historisch gewachsenen industriellen
Struktur notwendig sind, sind sie gezwungen, weiterhin mitzupokern."
(Schehl, Vor uns die Sintflut? S. 43) [33]
Und
die US- Konzerne sind entschlossen, die letzten globalen Deals mitzubestimmen:
mit einem 2/3 Anteil an allen Auslandsinvestitionen und Produktionsverlagerungen
halten sie die Spitzenposition bei dieser neuen imperialistischen
Invasion in die Länder Asiens, Afrikas und Lateinamerikas.
Insgesamt haben sich die Auslandsbeteilungsverhältnisse der
multinationalen Konzerne in den unterentwickelt gehaltenen Ländern
seit Ende der 60er Jahre vervierfacht und die Zahl der Beschäftigten
ist um 505% gewachsen. Diese Daten sind jedoch nur als Vorboten
dieser neuen Entwicklung zu werten. Die Möglichkeit, die 3.Welt
nicht nur als Rohstofflieferanten auszupressen, sondern auf ihrem
Rücken eine nie gekannte Kapitalverwertung zu realisieren,
diese Möglichkeit gerinnt aufgrund der dem Kapital eigenen
Gesetzmäßigkeit zur absoluten Notwendigkeit.
"Zur angeblichen Ausbeutung von unterentwickelten Ländern:
Kritiker machen sich selten die Mühe zu erwähnen, welche
Folgen die Nichtbeschäftigung dieses Arbeitskräftepotentials
haben würde. Es ist eine Tatsache, daß uns unterentwickelte
Länder nicht den Vorwurf der Ausbeutung machen, sondern sich
vielmehr darüber beklagen, daß wir sie hinsichtlich unserer
Investitionen vernachlässigt hätten ... Zu angeblichen
Einschränkungen der Souveränität von Ländern
durch die Multis: man kann nicht vollkommene nationale Souveränität
haben und gleichzeitig auch die Interessen der Nation bestmöglich
vertreten. Natürlich transferieren die Multis Waren, Kapital
und Technologie so uneingeschränkt über die Grenzen, wie
es ihnen möglich ist. Aber dadurch bringen sie den Ländern
tatsächlichen Nutzen, indem sie Waren zu niedrigeren Preisen
anbieten können." (David Rockefeller [34],
Handelsblatt 29.7.75)
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