... und wir?
Dieses veränderte politische Klima - zusammen mit den Verunsicherungen
durch die Repression - stoppte erstmal all unsere praktischen Pläne.
Es waren aber nicht nur diese äußeren Bedingungen, die
uns schwächten, hinzu kamen unsere eigenen Fehler:
Wir schätzten unsere Bedeutung und unsere Möglichkeiten
nicht realistisch ein. Wir fanden das Projekt "Rote Zora"
in dieser Situation so immens wichtig, daß wir alle unsere
Bemühungen darauf ausrichteten, die Struktur aufrecht zu erhalten,
und merkten gar nicht, wie sehr wir uns dabei praktisch lahmlegten.
Wir unterlagen unserem eigenen Mythos, was sich ebenfalls in unserem
hohen Anspruch an eine mögliche Praxis ausdrückte. Wir
konnten uns als Rote Zora keine Aktion vorstellen, die hinter die
Entwicklung unserer bisherigen Praxis zurückfiel. Das lag aber
in der speziellen Situation jenseits unserer Fähigkeiten und
Möglichkeiten. Je länger der Zeitraum ohne praktische
Politik war, desto höher wurde der Anspruch und desto unmöglicher
die praktische Umsetzung. So schloß sich der Kreislauf zunächst
einmal.
Die Kontakte untereinander hatten wir zum Schutz der Struktur auf
ein Minimum eingeschränkt, von unserem politischen Frauenumfeld
fühlten wir uns nicht getragen. Auch das schlug sich negativ
auf unsere Lust und Kraft zum Weitermachen aus. Die aufwendige Form
der politischen Organisierung ohne konkrete Umsetzung in Aktionen
und eine komplizierte Kommunikationsstruktur (nicht selten landeten
Papiere im Ofen, bevor sie die letzte erreicht hatten, was eine
kontinuierliche Diskussion nicht gerade beflügelt) verstärkten
bei vielen von uns Unzufriedenheit und massive Zweifel, ob wir als
illegale militante Organisation in der Lage seien, in die politischen
Prozesse einzugreifen.
Aus verschiedensten Gründen - andere Schwerpunkte setzen,
militanten Widerstand nicht mehr angemessen finden, Festgefahrenheit
in der Organisationsstruktur und damit einhergehender Schwerfälligkeit
und Verlust von Lebendigkeit - trennten sich die meisten Roten Zoras
von unserem Zusammenhang, und somit stehen wir quasi am Neuanfang.
Die grundsätzlichen Fragen nach Wirksamkeit, Legitimation,
Ziel, Basis und persönlicher Umsetzbarkeit unserer Politik
haben sich uns verschärft gestellt. Das sind zwar Fragen, die
uns ständig begleiteten, aber in Zeiten geringer politischer
Gewißheit und in Phasen der notwendigen Klärung von Perspektiven
werfen wir immer wieder die politischen Erfolgsaussichten und persönliche
Gefährdung und Einschränkungen neu in die Waagschale.
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Zudem mußten wir uns gegen den mainstream dieser Zeit behaupten,
der v.a. von gemischten Gruppierungen ausging, daß militanter
Widerstand in dieser Situation nichts mehr bringe.
Die offene Frage ist nicht eine der Form, sondern wie den Zersplitterungen
und lndividualisierungen unserer Metropolenrealität die Gemeinsamkeit
einer Strategie entgegengesetzt werden kann, welche zur Entwicklung
einer Frauenbefreiungsbewegung auch in der Metropole beiträgt,
die damit anfängt, die heutigen weltpolitischen Umbrüche
auch in der Metropole in eine radikal- feministische Kraft umzusetzen.
In einer Phase von Perspektivlosigkeit, nachlassendem und zersplittertem
Widerstand und geballt erscheinender Übermacht des Systems
greift Resignation desto mehr um sich, je mehr wir glauben, die
vielen Zuspitzungen sexistischer und rassistischer Gewalt und Ausbeutung
ohne sichtbare Gegenwehr hinnehmen zu müssen.
Es liegt an uns, Teil dieser Resignation zu sein oder sie zu durchbrechen!
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