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Datum:
19.12.2000
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Zeitung:
tagesspiegel
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Titel:
Der letzte Kronzeuge
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"Revolutionäre Zellen"
Der letzte Kronzeuge
Tarek Mousli, der gegen die autonome Szene aussagte, kommt mit
Bewährung davon
Der Karatelehrer hat früher gerne ein Spielchen gespielt.
Tarek Mousli bat seine Schüler auf die Matte, stellte sich
vor sie und forderte sie auf, in Richtung seines Kopfes zu schlagen.
Mousli war einer der besten Karateka Deutschlands, und so konnte
er ihre Fäuste wie ein Fliegenfänger mit der flachen Hand
abfangen. Die Rückenmuskeln verrieten die Schüler, ihre
unkontrolliert zuckenden Schultern kündigten die Fauststöße
an. Er fing sie immer.
Der Angeklagte betritt den Großen Saal des Berliner Kammergerichts
durch einen unterirdischen Gang. Tarek Mousli wird begleitet von
zwei Personenschützern des Bundeskriminalamtes. Zwei Meter
ist Mousli groß, er trägt einen anthrazitfarbenen Designeranzug,
ein schimmelgrünes Hemd und eine straff gebundene graue Krawatte.
Mousli setzt sich auf die Bank, sortiert die langen Beine unter
der Bank und wirft einen verstohlenen Blick ins Publikum. Auf den
Zuschauerbänken sitzt in Klassenstärke die linke Szene
Kreuzbergs. "Verräter", ruft einer der Zuschauer
in den Raum. Mouslis Wangenmuskeln arbeiten. Unkontrolliert. Würde
er gegen ein direktes Gegenüber kämpfen, könnte man
seinen nächsten Zug berechnen. Doch Tarek Mousli kämpft
in dieser Begegnung nur mit Worten, gegen seine Vergangenheit und
gegen das Publikum. Denn Mousli steht vor Gericht als reuiges Mitglied
der Stadtguerilla "Revolutionäre Zellen" (RZ), die
sich zwischen 1973 und 1995 zu bundesweit mindestens 183 Brand-
und Sprengstoffanschlägen bekannten.
Dies ist der Auftritt eines verlorenen Sohnes, der seiner Familie
den Rücken gekehrt, sie verraten hat. Mousli hat sich die Zukunft
erkauft: Er hat den Ermittlern alles gesagt, was er über die
linke Szene wusste, und auch das, was er an Gerüchten bloß
gehört hatte. Er hat sechs seiner ehemaligen Genossen als RZ-Mitglieder
benannt und damit hinter Gitter gebracht und darüber hinaus
auch gegen frühere Freunde aus der autonomen Szene ausgesagt.
Er hat eine Lebensbeichte abgelegt und sagt: "Was man über
mich schreibt oder sagt, ist mir egal." Der Bundesanwaltschaft
ist das die Freiheit eines früheren Staatsfeindes wert: Zwei
Jahre auf Bewährung hat sie ihm als Tauschgeschäft gegen
seine Aussagen angeboten. Mousli nahm an. Zuerst sagte er viel,
aber nicht alles. Dann, am 30. Dezember 1999, fünf Wochen nach
seiner Festnahme, bat er die Fahnder in seiner Zelle zu einem weiteren
Gespräch. Einen Tag später lief die Kronzeugenregelung
aus. Tarek Mousli ist vermutlich der letzte Kronzeuge der Republik.
Ein Kronzeuge gegen jenen Teil der radikalen Linken, der nicht
von Reformen, sondern von Revolutionen träumte und bis heute
nicht wie Joschka Fischer die Lederjacke gegen das Jackett tauschte.
Mousli wurde in Beirut geboren; er war noch ein Kleinkind, als sein
Vater starb und die Familie nach Deutschland zog. Zehn Jahre lang
wuchs er in Heimen und Internaten auf. Mit der Mutter brach er früh.
An Geld mangelte es selten, an Zuwendung öfter. "Kann
man sagen, dass Sie aus einem wohlsituierten Elternhaus stammen?",
fragt der Richter. "Ja", sagt Mousli. "Das kann man."
Nach dem Abitur fand er eine Heimat in der Hausbesetzerszene. Erst
in Kiel, dann, um 1981, in Kreuzberg. "Ich zog nach Berlin,
um mich politisch in sozialen Bewegungen zu betätigen",
sagt Mousli dem Richter Eckhart Dietrich. Der hört gebannt
zu und antwortet: "Manchmal lesen sich Ihre Aussagen, als wäre
man selbst dabei gewesen."
Soziale Bewegungen, das waren die Anti-Akw-Szene, die Hausbesetzer
und die Friedensbewegung. Mousli machte mit bei einer Zeitschrift,
deren Redaktion später in den Untergrund ging. Er studierte
Texte der RZ, die sich Anfang der 80er Jahre als bewaffneter Arm
der Bewegung verstanden. 1985 wurde er schließlich von einem
Freund angeworben. Später wird Mousli dem Richter erzählen,
dies sei "eine Anerkennung gewesen". Natürlich sagte
er zu.
Der erste Anschlag war eine Bestrafungsaktion. Harald Hollenberg,
dem Chef der Ausländerbehörde, sollte in die Knie geschossen
werden. Aus Rache für dessen Umgang mit Flüchtlingen.
Mousli stand auf einer Brücke und sollte die Schützen
per Funkgerät vor der Polizei warnen. Sein Einsatz war nicht
nötig. Das Attentat gelang ohne Zwischenfälle. Ein Jahr
später schossen die RZ nach dem gleichen Muster dem Richter
Günter Korbmacher in die Beine.
Im Gerichtssaal wird Mousli von drei Anwälten verteidigt:
Den beiden Bundesanwälten, die formal die Ankläger sind,
und seinem Rechtsanwalt. Die Bundesanwälte machen ihre Sache
gut, so gut, dass der Wortbeitrag von Mouslis Rechtsanwalt in dem
gesamten Verfahren genau ein Satz umfasst: "Ich schließe
mich sämtlichen Anträgen der Bundesanwaltschaft an."
Gelegentlich wirkt der Prozess wie ein Geschichtsseminar. Der Richter
will weniger aufklären als verstehen, wie das war mit dem bewaffneten
Kampf; selbst in der Urteilsbegründung spricht er irrtümlich
noch von "Roten Zellen". "Gab es so etwas wie eine
Verpflichtungserklärung? Hätten Sie kündigen können?",
fragt er. Mousli lächelt und antwortet: "Die Beteiligung
basierte auf politischer Überzeugung, nicht auf etwas Administrativem."
- "Sie glaubten, so die Welt zu verbessern?", erwidert
der Richter. Ja, sagt Mousli. "Das wollten wir." Dem Richter
erzählt er später, dass die Art der Pistolen-Anschläge
für ihn ein Grund gewesen sei, auszusteigen. Er habe nicht
geglaubt, "dass man in der Stadtguerilla derart verroht. Wir
wurden kalt und hart." 1990 stieg Mousli aus, diente den RZ
noch als "Schläfer", so heißt es im Urteil.
Er verrichtete nur noch kleine Dienste. 1995 klauten Jugendliche
Sprengstoff aus seinem Keller und gingen damit zur Polizei. Da flog
er auf.
Gerade vier Verhandlungstage dauerte das Verfahren. In seinem Schlusswort
sagt der Angeklagte: " Ich möchte mich bei der Witwe von
Harald Hollenberg und bei Dr. Korbmacher für das Leid entschuldigen,
das ihnen auch durch mein Zutun zugefügt wurde." Es klingt
wie ein Bittgesuch um Wiedereingliederung in die bürgerliche
Gesellschaft. Als der Richter die erwartete Strafe von zwei Jahren
auf Bewährung verkündet, werfen einige Autonome aus dem
Publikum Pfennige und skandieren: "Kein Deal mit dem Staat
- Solidarität statt Verrat". Mousli bleibt regungslos.
Zum Schluss, am Ende eines langen Verhandlungstags, führen
die zwei Personenschützer des Bundeskriminalamtes Mousli wieder
zu dem unterirdischen Tunnel. In der Tiefgarage warten drei schwarze
Limousinen, mit denen das BKA den Kronzeugen zum Flughafen bringen
wird. Tarek Mousli ist schon fast raus aus dem Saal, da ruft eine
Zuschauerin: "Du wirst nie wieder Freunde haben!" Mousli
ruckt kurz mit dem Kopf, die Backenmuskeln arbeiten. Da ist es wieder,
das verräterische Zucken.
Holger Stark
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