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Datum:
23.03.2001
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Zeitung:
Tagesspiegel
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Titel:
Revolutionäre- Zellen- Prozess
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Revolutionäre- Zellen- Prozess
Wie Frührentner in den Fängen der Justiz
Die Angeklagten würden gern Kaution zahlen, reden wollen
sie aber nicht
Der Verteidiger erklärt, er habe Angst. Er sagt, er sei nicht
der Mutigste, und er fühle sich bedroht. Bedroht von 9-Millimeter-Pistolen,
von denen man nicht wisse, ob sie - unbeabsichtigt - losgehen könnten.
Bedroht von ihren Trägern, den - möglicherweise - hysterischen
Personenschützern des Kronzeugen. Der Verteidiger sagt: Waffen
raus aus dem Gerichtssaal - oder kugelsichere Westen verteilen.
Die Bundesanwälte schauen gramvoll. Ein Richter muss grinsen.
Das Publikum schreit vor Lachen.
Der Verteidiger hat illustriert, als was die Angeklagten und viele
Zuschauer die hohen Sicherheitsvorkehrungen empfinden, unter denen
gestern vor dem Kammergericht die Verhandlung gegen vier mutmaßliche
Mitglieder der Revolutionären Zellen (RZ) begann: "Als
lächerlichen Mummenschanz eines klassischen Terroristenprozesses",
wie der Anwalt sagt. Der Generalbundesanwalt wirft der Galeristin
Sabine E., dem Hausmeister Axel H., dem früheren TU-Beamten
Matthias B. und dem Mitarbeiter der "Forschungsgesellschaft
Flucht und Migration", Harald G., Mitgliedschaft in einer terroristischen
Vereinigung und die Mittäterschaft an zwei Anschlägen
vor, die inzwischen gut 10 Jahre zurückliegen, etwa einem Sprengstoffattentat
auf die Berliner Siegessäule.
Tatsächlich wirken die heute 52-Jährigen, stark angegrauten
Männer eher wie zufällig in einen Gerichtssaal geratene
Frührentner denn wie revolutionäre Kampfmaschinen, in
denen noch immer Hass auf den deutschen Staat und seine Asylpolitik
lauern könnte. Die Frankfurter Galeristin E., 54, scheint besonders
hart getroffen. Nach der Anhörung einer Ärztin wurde ausführlich
über ihre Verhandlungsfähigkeit debattiert, ohne über
einen konkreten Antrag zu entscheiden. Sie leidet nach Auskunft
der Medizinerin seit Beginn ihres Gefängnisaufenthaltes unter
vermehrten Migräneanfällen, die "u.a. durch üble
Gerüche" ausgelöst werden. Diese Anfälle würden
vor Gericht "zu Konzentrationsausfällen" führen.
Die Verteidiger kritisieren insbesondere die "unvertretbar
lange Untersuchungshaft" von elf bis 15 Monaten, zumal die
Strafandrohung nicht hoch und eine Fluchtgefahr nicht gegeben sei.
Auch das Ablichten der Personalausweise der Zuhörer wurde
als unnötig beklagt, worauf ein Bundesanwalt erfolglos zu beruhigen
versuchte: Die Daten würden nicht polizeilich registriert,
sie blieben "im Justizbereich". Schon vor dem Betreten
des Zuschauerraums war Prozessbeobachtern, etwa einem Abgesandten
der Schweizer Juristenvereinigung und einem irischen Rechtsanwalt,
Papier und Schreibgerät abgenommen worden. Die Kugelschreiber
der akkreditierten Journalisten wurden eingehend inspiziert.
Da die Angeklagten nach Angaben eines Verteidigers im Prozess
nicht aussagen werden, kommt eine zentrale Rolle in dem Verfahren
dem inzwischen zu einer Bewährungsstrafe verurteilten Ex-Terroristen
Tarik Mousli zu. Der 42-jährige Karatelehrer hatte die Vier
als Kronzeuge der Anklage für die Attentate verantwortlich
gemacht. Er soll unter Begleitung bewaffneter Polizisten aussagen.
Die Bundesanwaltschaft bekräftigte, dass sie Mousli für
"in hohem Maße gefährdet halte". Verteidiger
Nicolas Becker hingegen spricht von einer "eindrucksvollen
Inszenierung, die die Substanz der Zeugenaussage verbessern soll".
Die Hauptverhandlung wurde noch vor Verlesung der Anklage unterbrochen,
weil an der korrekten Besetzung der Ersatzrichter Zweifel aufgetaucht
waren. Diese will die Verteidigung nun prüfen. Der Prozess
wird am kommenden Donnerstag fortgesetzt.
Rico Czerwinski
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