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Datum:
22.01.2001
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Zeitung:
Tagesspiegel
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Titel:
Der Kronzeuge kommt als freier Mann
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Revolutionäre Zellen
Der Kronzeuge kommt als freier Mann
Am heutigen Donnerstag beginnt der letzte große Prozess
gegen die RZ
Es wird einer der letzten Prozesse seiner Art sein, und der Auftakt
im Kriminalgericht Moabit dürfte an eine Zeitreise erinnern:
in die 70er-Jahre, die Hochzeit der Terroristenverfolgung. Unter
strengen Sicherheitsmaßnahmen beginnt am heutigen Donnerstag
das Verfahren gegen die mutmaßlichen Mitglieder der linksterroristischen
"Revolutionären Zellen" (RZ). Die Angeklagten - sie
sind heute zwischen 50 und 54 Jahre alt - sollen zwischen 1986 und
1991 an vier Anschlägen von Berliner Gruppen der RZ beteiligt
gewesen sein. Bei der Verteidigung stößt die Behandlung
der "Vorruheständler" auf Unverständnis. "Das
traditionelle Gehabe eines Terroristenprozesses ist übertrieben
und unsinnig", sagt Rechtsanwalt Nicolas Becker.
Die Mitglieder der RZ, damals vom Verfassungsschutz als "Feierabendterroristen"
eingestuft, sollen seit 1973 mindestens 186 Brand-, Sprengstoff-
und andere Anschläge verübt haben. Den Beschuldigten wird
vorgeworfen, sich in den 80er Jahren unter anderem an gewalttätigen
Aktionen gegen die bundesdeutsche Asylpolitik beteiligt haben. Fast
alle sollen ferner bei den Attentaten auf Harald Hollenberg - damals
der Leiter der Berliner Ausländerbehörde - und Günter
Korbmacher - Vorsitzender Richter am Bundesverwaltungsgericht -
beteiligt gewesen sein. Beiden Männern wurde Mitte der 80er
Jahre in die Beine geschossen.
Die Körperverletzungsdelikte sind inzwischen verjährt,
die Anklage lautet: Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung
sowie das Herbeiführen von Sprengstoffexplosionen. Dabei geht
es unter anderem um den Anschlag auf die Berliner Siegessäule
im Jahr 1991. In ihrer Anklage gegen die drei Männer und eine
Frau stützt sich die Bundesanwaltschaft vor allem auf die umfassenden
Aussagen eines RZ-Mitglieds: Tarek Mousli. Der 41-jährige Kampfsportlehrer
und RZ-Aktivist war am 23. November 1999 festgenommen worden und
diente sich nach kurzem Zögern der Bundesanwaltschaft als Kronzeuge
an. Nachdem Mousli Ende letzten Jahres vom Kammergericht zu zwei
Jahren Haft auf Bewährung verurteilt worden war, erhielt er
im Zeugenschutzprogramm eine neue Identität. Nach Mouslis Lebensbeichte
zögerten die Ermittler nicht lange: Im Dezember 1999 nahmen
sie den ersten der vier Angeklagten fest, zuletzt wurde im April
2000 Matthias B., ein hochrangiger Angestellter der TU, verhaftet.
Alle vier sitzen seitdem in Untersuchungshaft. "Das ist skandalös
und rechtsstaatswidrig", sagt Verteidiger Becker. Alle Verdächtigen
hätten bei ihrer Festnahme seit Jahren in "stabilen Wohn-
und Arbeitsverhältnissen" gelebt und seien bis auf eine
Ausnahme bislang strafrechtlich unbelastet. "Außerdem
wären sie durchaus bereit, eine ordentliche Kaution zu zahlen."
Ginge es nach der Bundesanwaltschaft, säße noch ein
weiterer Mann auf der Anklagebank: Rudolf Schindler. Der Ehemann
der angeklagten Sabine E. war im Frankfurter Opec-Prozess, wo auch
Außenminister Joschka Fischer als Zeuge aussagen musste, freigesprochen
worden. Eine neue Anklage hatte das Berliner Kammergericht abgelehnt.
Die Anklage der Frankfurter Staatsanwaltschaft habe bereits eine
Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung umfasst, hieß
es in der Begründung der Richter. Gegen die Entscheidung und
die Freilassung Schindlers aus der U-Haft hat die Bundesanwaltschaft
Beschwerde beim Bundesgerichtshof eingelegt.
Die Angeklagten haben bislang zu den Vorwürfen geschwiegen.
"Das werden sie auch weiterhin tun", kündigt Becker
an. 31 Verhandlungstage sind bislang angesetzt. In den ersten Wochen
wird voraussichtlich die Verlesung alter Urteile das Verfahren bestimmen.
Frühestens Mitte April steht dann der Auftritt des Kronzeugen
auf dem Programm. Becker: "Wir werden zeigen, dass man sich
auf die Aussage eines Tarek Mousli nicht verlassen darf."
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