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Datum:
23.03.2001
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Zeitung:
tageszeitung
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Titel:
Kurzer Prozesstag
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Kurzer Prozesstag
Verteidigung erreicht Vertagung des Verfahrens gegen vier mutmaßliche
Mitglieder der Revolutionären Zellen
Uniformierte Polizeibeamte vor dem Moabiter Gerichtsgebäude,
eine Sicherheitsschleuse für Besucher, Verteidiger und Journalisten
mitsamt penibler Untersuchung von Tascheninhalten und Kleidung sowie
der obligatorische Hochsicherheitssaal: Beim Prozessauftakt gegen
vier mutmaßliche Mitglieder der Revolutionären Zellen
(RZ) wurde gestern kaum ein Klischee ausgelassen, um das Bild eines
hochkarätigen "Terroristen-Prozesses" zu beschwören.
Den Angeklagten Matthias Borgmann, Sabine Eckle, Harald Glöde und
Axel Haug wirft die Bundesanwaltschaft vor, von 1986 bis 1991 an militanten
Aktionen zweier Berliner RZ-Gruppen beteiligt gewesen zu sein - darunter
Sprengstoffanschläge auf die Zentrale Sozialhilfestelle für
Asylbewerber und die Siegessäule. Nach Ansicht der Verteidigung
stützt sich die Bundesanwaltschaft im Wesentlichen auf Aussagen des
Kronzeugen Tarek Mousli, der im Dezember für seine Aussagebereitschaft
mit einer Bewährungsstrafe von zwei Jahren und der Aufnahme ins
Zeugenschutzprogramm des Bundeskriminalamts belohnt wurde.
Zu einer Verlesung der rund 116-seitigen Anklageschrift kam es gestern
nicht: Nach zwei Stunden vertagte das Gericht den Prozess bis zum
nächsten Donnerstag. Der Grund: Die Verteidigung hatte Unterlagen
für eine Rüge der Zusammensetzung der Ersatzrichterbank nicht
vollständig erhalten. Auch über die Verhandlungsfähigkeit
der 53-jährigen Angeklagten Sabine Eckle, die an schwerer Migräne
leidet, müssen die Richter in der nächsten Woche befinden. Zwei
weitere Beschuldigte mussten gestern nicht erscheinen: Mitte Mai wird ein
kanadisches Gericht über die Auslieferung von Lothar Eble entscheiden.
Auch zum Antrag der Ankläger, dem ebenfalls von Tarek Mousli
belasteten Rudolf Schindler doch noch in Berlin den Prozess zu machen, hat
sich der Bundesgerichtshof noch nicht geäußert. Schindler wurde
vor kurzem vom Vorwurf freigesprochen, am Überfall auf die Wiener
Opec-Konferenz beteiligt gewesen zu sein, und auf freien Fuß
gesetzt.
Massive Kritik übte eine siebenköpfige Delegation internationaler
Prozessbeobachter an der 11- bis 15-monatigen Untersuchungshaft
der vier Angeklagten. Auch der grüne Bundestagsabgeordnete
Christian Ströbele bezeichnete die Anwendung der Ende letzten
Jahres ausgelaufenen Kronzeugenregelung und des Paragraphen 129a
als fragwürdig. Die PDS-Bundestagsfraktion forderte erneut
die Abschaffung des umstrittenen Instruments politischer Strafverfolgung.
HEIKE KLEFFNER
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