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Datum:
14.04.2001
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Zeitung:
tageszeitung
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Titel:
Gerüchte, Fantasien, Interessen
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DIE AUSSAGEN DES KRONZEUGEN IM BERLINER RZ-PROZESS TAUGEN NICHTS
Gerüchte, Fantasien, Interessen
Als im Dezember 1999 ein Großaufgebot von Sicherheitskräften
den Berliner Mehringhof durchsuchte, glaubte man zunächst an einen
schlechten Scherz. Tarek Mousli, einst Aktivist in der Kreuzberger Szene
und nach eigenen Angaben Mitglied der Revolutionären Zellen (RZ),
hatte den Terrorismusfahndern erklärt, in dem Alternativzentrum
befände sich ein Waffendepot der RZ. Seither wurden vier Personen
verhaftet, gegen einen weiteren läuft bei den kanadischen
Behörden ein Auslieferungsverfahren. Sie sollen sich an Berliner
RZ-Aktionen gegen die deutsche Asylpolitik in den Achtzigerjahren beteiligt
haben. Einzige Grundlage dieser Vorwürfe: die Aussagen von Mousli.
Über ein Jahr lang sprachen Beamte von Bundeskriminalamt (BKA) und
Bundesanwaltschaft (BAW) mit dem 41-Jährigen über das, was er
über das Innenleben der RZ wissen will. Und Mousli plauderte,
schließlich stand im Hintergrund permanent die Drohung, als
Rädelsführer der RZ für lange Jahre hinter Gittern zu
verschwinden. Widersprüche nahm die BAW gelassen hin. So etwa
bezichtigte Mousli den Angeklagten Harald Glöde der Beteiligung an
einer Aktion, während deren dieser gerade im Knast saß. Und nun
also ein von der BAW in Auftrag gegebenes Gutachten im Fall Karry: Eine
DNS-Analyse bestätigt, dass Rudolf Schindler nicht auf den hessischen
Wirtschaftsminister im Jahr 1981 geschossen hat. Wieder war es die Aussage
Mouslis, die den 58-Jährigen belastet hatte. Dabei hatte der Kronzeuge
wie bei vielen seiner Angaben lediglich berichten können, was er vom
Hörensagen mitbekommen haben will. Was wenig verwundert: Mousli war
erst Jahre nach den Schüssen auf Karry zu den RZ gestoßen. Seine
Aussagen im Opec-Prozess gegen Schindler ergaben keinen einzigen Beweis -
ebensowenig wie die des Frankfurter Angeklagten Hans-Joachim Klein.
Schindler wurde folgerichtig freigesprochen.
Nein, man muss nun nicht der Verwendung genetischer Analysen zur
Verfolgung von Straftätern das Wort reden. Die Untersuchung
bestätigt lediglich, was ein paar logische Gedankengänge auch
hätten bestätigen können: Mousli musste Aussagen
produzieren, um seinen eigenen Kopf zu retten. Wo er, wie im Fall Karry,
nichts berichten kann, muss er eben etwas erfinden. Nicht viel anders
verhält es sich im Berliner Verfahren. In der Grauzone zwischen
irgendwie Wahrgenommenem, Gerüchten und Fantasien, vermengt mit dem
Interesse seiner Vernehmer, produziert der Kronzeuge einen Mischmasch, der
für keine Verurteilung taugen kann. Beinahe überflüssig zu
erwähnen, dass im Berliner Mehringhof bis heute nichts gefunden wurde,
was auf die Existenz eines Waffenlagers hinweist.
WOLF-DIETER VOGEL
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