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Datum:
19.03.2001
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Zeitung:
Der Spiegel
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Titel:
Antiquität mit Sprengstoff
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Antiquität mit Sprengstoff
In Berlin wird das vorerst letzte Kapitel des Terrorismus in Deutschland
bewältigt.
Einige Alt- 68er müssen sich als "Feierabend-Guerrilleros"
verantworten.
Die Berliner Siegessäule im Großen Tiergarten, ein 69
Meter hohes Bauwerk mit einer 35 Tonnen schweren Bronzeskulptur,
hat über Generationen Krieg und Attacken der späteren
Sieger überstanden. Den alliierten Bombern trotzte das 1873
eingeweihte Monument nahezu unversehrt. Auch der Vorstoß der
französischen Besatzer, die 1946 im Alliierten Kontrollrat
die Zerstörung forderten, blieb ohne Folgen.
Richtig ernst wurde es für die "Goldelse", wie die
Berliner die Viktoriaskulptur nennen, erst im deutschen Bürgerkrieg.
Die Berliner Taxifahrerin, die am 15. Januar 1991 gegen drei Uhr
morgens erst eine laute Detonation wahrnahm und dann die Riesenfigur
samt Lorbeerkranz in einer weißen Wolke verschwinden sah,
glaubte an das Ende des Denkmals.
Unbekannte hatten sich die 285 Stufen der Wendeltreppe im Innern
der Ruhmessäule hochgeschlichen. An einem Stützpfeiler
der Figur und am Fuß selbst hatten sie Sprengsätze mit
unterschiedlich eingestellten Zeitzündern deponiert und durch
zehn Meter Zündkabel mit einem präparierten "Junghans"-Wecker
verbunden.
Die Viktoria zitterte, fiel aber nicht. Als der erste Sprengsatz
explodierte, wurde der zweite abgerissen und nach unten geschleudert.
2954 Gramm des gewerblichen Sprengstoffs Gelamon 40 fanden Sachverständige
später unversehrt am Boden.
Der Versuch des Berliner Ablegers der bundesweit aktiven Revolutionären
Zellen (RZ), ein Fanal gegen "großdeutschen Militarismus
und Imperialismus" zu setzen, wie es im Selbstbezichtigungsschreiben
hieß, war gescheitert. Es war der letzte Anschlag dieser selbst
ernannten deutschen Stadtguerrilla in Berlin.
Fast zehn Jahre dauerte es, bis die Decknamen der mutmaßlichen
Berliner RZ-Aktivisten - Sigi, Anton, Heiner, Judith und Sebastian
- aktenkundig wurden. Von Donnerstag an stehen sie, bis auf einen,
den Kanada bislang nicht auslieferte, vor dem Berliner Kammergericht.
Aufgearbeitet werden soll das letzte dunkle Kapitel Berliner Terrorgeschichte.
Der 2. Strafsenat soll nun klären, ob die als "Feierabend-Terroristen"
verdächtigten Alt-68er seit den achtziger Jahren "Mitglieder
einer terroristischen Vereinigung" waren - dabei zierten ihre
Konterfeis bislang nicht einmal einen Steckbrief.
Angeklagt sind
- der Universitätsangestellte Matthias Borgmann, 52 (Deckname
"Heiner"). Der studierte Pädagoge war Leiter des
Akademischen Auslandsamts der TU;
- der Diplompolitologe Harald Glöde, 52 ("Sigi").
Er schrieb seine Diplomarbeit zum Thema "Aufstieg und Niedergang
der Hausbesetzerbewegung in Berlin" und war zuletzt für
die "Forschungsgesellschaft Flucht und Migration" beim
alternativen Kulturzentrum "Mehringhof" tätig;
- der Ex-Biologiestudent Axel Haug, 50 ("Anton"). Er
arbeitete zuletzt als Hausmeister und Geschäftsführer
in der Mehringhof-Grundstücksverwaltung;
- die Galeristin Sabine Eckle, 54 ("Judith"). Sie lebte
laut eigenem Lebenslauf von 1978 bis 1990 aus politischen Gründen
"in der Illegalität".
Sabine Eckles Ehemann Rudolf Schindler ("Jon") halten
die Ankläger gar für einen der einst aktivsten Berliner
RZ-Rädelsführer - er gilt den Ermittlern als Fachmann
für Logistik, Scharfschüsse und Bombenbasteleien.
Doch einstweilen darf Schindler das Mammutverfahren als freier
Mann verfolgen. Das Kammergericht hob seinen Haftbefehl zu Lasten
der Staatskasse auf. Schindler war gerade erst als Mitangeklagter
im Frankfurter Opec-Prozess gegen den Ex-Terroristen Hans-Joachim
Klein freigesprochen worden. Einer Eröffnung des Hauptverfahrens
gegen ihn in Berlin, so der Strafsenat, stehe "das Verfahrenshindernis
anderweitiger Rechtshängigkeit" entgegen.
Das Verfahren, das vorläufig bis zum 27. August terminiert
ist, bietet ohnehin genug juristischen Konfliktstoff und kriminalistischen
Aufklärungsbedarf. Ein Berliner Aktivist, zehn Jahre als Polizeifunkspezialist
mit im Untergrund dabei und zuletzt zum "Schläfer"
retiriert, hatte der Polizei geholfen. In einer sich über Monate
hinziehenden Lebensbeichte offenbarte der Deutsch-Palästinenser
Tarek Mousli, 41, die bürgerlichen Legenden und Tatbeiträge
seiner im "klandestinen Kampf" gefuchsten Terror-Kameraden.
Der Generalbundesanwalt formulierte danach eine 116 Seiten starke
Anklageschrift.
Mousli war aufgefallen, weil Einbrechern zufällig Sprengstoff
in die Hände gefallen war, den der Karatelehrer noch im Keller
versteckt hatte. Es war eine Restmenge jenes in Westdeutschland
entwendeten Gelamon-Sprengstoffs, mit dem auch die Goldelse gekippt
werden sollte. Ein angebliches RZ-Geheimdepot für Sprengstoff,
dessen Lage Mousli den Fahndern offenbarte, suchten selbst 1000
Polizisten im Mehringhof vergeblich.
Der Kronzeuge der Bundesanwaltschaft wurde im vergangenen Dezember
zu zwei Jahren Gefängnis mit Bewährung verurteilt. Die
Milde sei, heißt es im Urteil des Kammergerichts, schon "wegen
der außerordentlich weit reichenden Aufklärungshilfe
bei allen negativen Begleiterscheinungen für sein weiteres
Leben" gerechtfertigt.
Mousli offenbarte beispielsweise, wie er, die Angeklagten und weitere
Mittäter am 28. Oktober 1986 die Beinschüsse auf den inzwischen
verstorbenen Leiter der Berliner Ausländerbehörde, Harald
Hollenberg, und am 1. September 1987 auf den Vorsitzenden des 9.
(Asyl-)Senats des Berliner Bundesverwaltungsgerichts, Karl Günter
Korbmacher, organisiert hatten. Die Taten nach italienischem Vorbild
galten, so die damaligen Selbstbezichtigungen, dem "Menschenjäger
und Schreibtischtäter" Hollenberg wie dem "furchtbaren
Juristen" Korbmacher.
Diese einzelnen Körperverletzungsdelikte sind längst
verjährt. Dennoch werden sie nun vor Gericht verhandelt. Für
den Nachweis der noch nicht verjährten "mitgliedschaftlichen
Beteiligung der Angeschuldigten in der ,RZ'" und die Strafzumessung,
so die Ankläger, hätten sie aber immer noch rechtliche
Bedeutung.
Damit werde, glaubt Eckle-Verteidiger Nicolas Becker, lediglich
eine "terroristische Antiquität" aufpoliert - zumal
die RZ seit fünf Jahren aufgelöst seien. Becker: "Das
ist eine einzige Leichenrede, die jetzt stattfindet." Dass
drei der vier Beschuldigten seit nahezu 15 Monaten in U-Haft sitzen,
hält zudem Glöde-Verteidigerin Silke Studzinsky für
"skandalös und eine Verletzung der Verhältnismäßigkeit".
Es gelte nun, sagt Borgmann-Anwalt Wolfgang Kaleck, die Widersprüche,
Brüche und Unwahrheiten "beim Sänger Mousli"
im Zeugenstand herauszuarbeiten. Sein Mandant mag dazu allerdings
kaum etwas beitragen. Noch gelte für ihn, ließ er Freunde
aus der U-Haft in einem offenen Brief wissen, ein Werk des italienischen
Schriftstellers Leonardo Sciascia. Der Titel: "Das Gesetz des
Schweigens".
WOLFGANG BAYER Revolutionäre Zellen bombten
und schossen bei 186 Anschlägen
Die selbst ernannte Stadtguerrilla hinterließ bundesweit
eine Spur von Blut und Trümmern. Allein in Berlin gingen etliche
Sprengstoff-Aktionen wie der Angriff auf die Zentrale Sozialhilfestelle
für Asylbewerber (1987) und zwei so genannte Knieschuss-Attentate
auf ihr Konto. Anders als bei RAF und Bewegung 2. Juni sind Struktur,
Logistik und Ausbreitung der Revolutionären Zellen (RZ) immer
noch weitgehend unklar.
Das kriminelle Kaliber der RZ wurde erstmals 1976 deutlich, als
bei der Flugzeugbefreiung von Entebbe der Anführer des Terroristenkommandos,
Wilfried Böse, erschossen wurde. Er war seinerzeit einer der
Frontleute der RZ. Das Bundeskriminalamt wusste lange nicht, was
sich wirklich in den vernetzten RZ-Schwerpunkten "Norden"
(Hamburg und Niedersachsen), "Süden" (Rhein-Main-Gebiet),
"Pott" (NRW) und "Insel" (Berlin) tat. So wurden
die Ermittler noch 1981, als der hessische Wirtschaftsminister Heinz
Herbert Karry mit mehreren Schüssen ermordet wurde, von einem
Bekennerbrief der RZ überrascht.
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