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Datum:
23.03.2001
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Zeitung:
Berliner Morgenpost
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Titel:
Prozessauftakt gegen mutmaßliche Revolutionäre Zellen -
Verfahren droht zu platzen
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Prozessauftakt gegen mutmaßliche Revolutionäre Zellen
- Verfahren droht zu platzen
Seit gestern vor dem Kammergericht angeklagt sind die
Galeristin Sabine Eckle, der Universitätsmitarbeiter Matthias
Borgmann, der Hausmeister Axel Haug und Harald Glöde (von links).

Im streng abgeschirmten Saal 500 des Land- und Kriminalgerichts an der
Turmstraße standen gestern große Themen an. Zum Prozessauftakt
gegen drei Männer und eine Frau, die jahrelang den Revolutionären
Zellen angehört haben sollen, ging es um Terror, Sicherheit,
schreckliche Migräneanfälle, Neun-Millimeter-Sig-Sauer-Waffen,
das Grundgehalt des Justizprofessors Klaus Marxen, den Bleistift des
Schweizer Rechtsanwalts Marcel Bosonnet und eine schusssichere Weste
für den Verteidiger Johannes Eisenberg. Die heute 50 bis 54 Jahre
alten Angeklagten bestätigten zu Beginn die Angaben zur Person, dann
hatten die Juristen das Wort. Doch der erste Prozesstag endete nach zwei
Stunden, ohne dass tatsächlich etwas geschah.
Die Vorsitzende Richterin setzte die Verhandlung vorerst aus, damit die
Verteidiger die Gelegenheit erhalten, die Besetzung des Gerichts zu
prüfen. Maßgeblich für die Benennung der Ersatzrichter in
einem Verfahren ist das Dienstalter der Richter. Aus Gründen, die nur
wenige Menschen verstehen, spielt dabei auch das Gehalt eine Rolle.
Darüber besteht auf der Verteidigerbank Klärungsbedarf.
Angeklagt sind die 54 Jahre alte Sabine Eckle, die zuletzt als
Galeristin in Frankfurt am Main arbeitete, der 52 Jahre alte Leiter des
Akademischen Auslandsamtes der Technischen Universität, Matthias
Borgmann, der 50-jährige Hausmeister Axel Haug und Harald Glöde,
52. Die Bundesanwaltschaft rechnet mindestens Sabine Eckle der
Führungsebene der Berliner Zellen zu.
Die Vorwürfe gegen die Angeklagten beruhen ausschließlich auf
dem Geständnis eines Kronzeugen. Tarek Mousli war nach eigenem
Bekunden selbst Mitglied der RZ. Als er vor zwei Jahren in das Netz der
Ermittler geriet, legte er eine Lebensbeichte ab - und lieferte seine
ehemaligen Mitstreiter der Justiz aus. Im Dezember vergangenen Jahres
verurteilte ihn das Kammergericht zu zwei Jahren Haft auf Bewährung.
Mousli kam in das Zeugenschutzprogramm des Bundeskriminalamtes. In dem
Verfahren wird er als Kronzeuge der Anklage auftreten. Die Verteidiger
zweifeln die Glaubwürdigkeit des 41 Jahre alten Karatelehrers an.
Scharfe Kritik üben sie am Rahmen des Prozesses. Durch strenge
Sicherheitsvorschriften - die Ausweise der Zuschauer werden fotokopiert,
einem Schweizer Anwalt wurden Stift und Papier am Eingang weggenommen - und
das geplante martialische Auftreten der Personenschützer mit
schwerkalibrigen Waffen werde ein unangemessenes Spektakel inszeniert.
Rechtsanwalt Johannes Eisenberg beantragte, ihm während der
Anwesenheit der BKA-Beamten eine schusssichere Weste zur Verfügung zu
stellen.
Völliges Unverständnis zeigten die Rechtsanwälte auch
wegen der Haltung des Gerichts und der Bundesanwaltschaft, die Angeklagten
auch nach 15 Monaten Untersuchungshaft nicht vorläufig auf freien
Fuß zu setzen. Hier bestehe angesichts der Strafandrohung ein
Missverhältnis zu Lasten der Angeklagten. So leide Sabine Eckle in der
Haft verstärkt unter Migräneanfällen, die sie bis zu
zwölf Tagen nachhaltig beeinträchtigen. Am kommenden Donnerstag
entscheidet das Kammergericht darüber, ob das Verfahren wegen der
Besetzung der Richter platzt.
Jens Anker
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