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Datum:
16.06.2001
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Zeitung:
Berliner Morgenpost
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Titel:
Revolutionärer Zorn: Der Kronzeuge packte aus
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Revolutionärer Zorn: Der Kronzeuge packte aus
Tarek Mousli kommt. Johannes Eisenberg setzt sich eine Sonnenbrille auf.
Gestern trat die Beweisaufnahme im Prozess gegen fünf
mutmaßliche Mitglieder der Revolutionären Zellen in die
entscheidende Phase. Tarek Mousli ist der Kronzeuge. Vor anderthalb Jahren
nahm er als letzter Straftäter in Deutschland die Kronzeugenregelung
in Anspruch - im Gegenzug legte er ein umfassendes Geständnis ab. 25
Jahre lang operierten die Revolutionären Zellen unerkannt im
Untergrund. Deutschlandweit sind sie für mehr als 180 Anschläge
verantwortlich. Das Geständnis Mouslis enttarnte sechs weitere
Berliner Mitglieder. Fünf von ihnen sitzen auf der Anklagebank im
Landgericht, der sechste sitzt in Kanada in Auslieferungshaft.
Vier Personenschützer und ein Justizwachtmeister begleiteten Tarek
Mousli gestern durch die Katakomben des Gerichts in den Verhandlungssaal.
Mousli ist groß und schlank, sein tatsächliches Aussehen
versteckt er hinter einer großen Brille und - vermutlich - einer
Perücke.
Warum im Gegenzug der Rechtsanwalt Johannes Eisenberg die Sonnenbrille
aufsetzte, blieb indessen unklar. Zuvor hatte er das Gericht um einen
Zuschuss für eine schusssichere Weste gebeten, sollten die
Personenschützer bewaffnet den Saal betreten. Dazu freilich kam es
dann nicht.
Tarek Mousli hat ein wechselvolles Leben hinter sich. Vor 42 Jahren
wurde er in Beirut geboren. Mit fünf Jahren kam er nach Deutschland,
zunächst zu seiner Mutter nach Düsseldorf. Die Schulzeit
verbrachte er in mehreren Internaten. Das Abitur bestand er in
St. Peter-Ording. An der Nordsee begann er auch, sich politisch zu
engagieren. Nach einem Zwischenspiel bei einem marxistischen
Schülerlesebund schloss er sich in Kiel und Hamburg der
Hausbesetzerszene an. Es seien die Erlebnisse des beginnenden
Bürgerkriegs in Libanon gewesen, die ihn dazu brachten, in die
links-alternative Szene einzusteigen, sagte er gestern. Gleichzeitig
studierte er Mathematik und Geschichte, allerdings wenig ambitioniert. 1982
zog er zu seiner Berliner Freundin nach Kreuzberg. Diese Freundin
führte ihn in die Berliner linke Szene ein. Mousli wurde Karatelehrer
im Mehringhof, dem linken Szenetreff am Mehringdamm.
Erst seit dem Geständnis Mouslis haben die Ermittler eine
Vorstellung davon, wie genau die Autonomen über das Vorgehen der
Polizei Bescheid wussten. Zusammen mit zwei Freunden baute Mousli in einer
konspirativen Wohnung die "Funkgruppe" auf, deren Aufgabe es
war, Polizei und Verfassungsschutz abzuhören - mit Erfolg. Fast rund
um die Uhr durchforstete die Gruppe den Frequenzenwald und wertete die
Funksprüche aus. Damals lernte Mousli auch seine späteren
Mitstreiter bei den Revolutionären Zellen, die Angeklagten Harald
Glöde und Axel Haug, kennen, sagte er gestern.
Die Bundesanwaltschaft geht davon aus, dass die Befragung Mouslis
mehrere Monate in Anspruch nehmen wird. Die Anklageschrift fußt
einzig auf den Aussagen Mouslis. Ein Prozessbeteiligter sagt: "Alles,
was Mousli sagt, kann nicht gelogen sein. Die Frage aber ist, was davon ist
wahr?" Vor der Befragung des Kronzeugen hatten die Verteidiger
gesagt, das "Beweismittel Mousli" sei entwertet, da ein
Kronzeuge "alle Möglichkeiten und viele gute Gründe zur
Falschaussage" habe. Mousli wurde im Dezember vergangenen Jahres zu
einer zweijährigen Bewährungsstrafe verurteilt.
Jens Anker
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