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Presse

Datum:
16.07.2001

Zeitung:
junge Welt

Titel:
Berliner RZ-Verfahren mit der Vernehmung des Kronzeugen fortgesetzt

Stammtisch-Terroristen?

Berliner RZ-Verfahren mit der Vernehmung des Kronzeugen fortgesetzt

Am kommenden Donnerstag wird vor dem Berliner Kammergericht der Prozeß gegen mutmaßliche Mitglieder der "Revolutionären Zellen" (RZ) fortgesetzt. Die zwei vergangenen Verhandlungstage waren mit der Vernehmung des Kronzeugen der Bundesanwaltschaft, Tarik Mousli, zur Struktur der RZ und dessen persönlichem Werdegang fortgesetzt worden. Erstmals befragten auch die Anwälte den Kronzeugen, der ein höchst widersprüchliches Bild der RZ zeichnete. Demnach waren die "Revolutionären Zellen" keinesfalls, wie dies die Bundesanwaltschaft gern behauptet, abgeschottet arbeitende "Feierabend-", sondern munter plaudernde "Stammtisch-Terroristen". Nur hatte Mousli nie recht hingehört.

So berichtete er, man sei professionell gegen Observationen vorgegangen, gleichzeitig aber will er das damals in der Illegalität lebende mutmaßliche RZ-Mitglied Rudolf Sch. in einem VW-Bus durch Berlin kutschiert haben - in einem "Bulli", der dem wegen Mitgliedschaft in der "Bewegung 2. Juni" verurteilten Harry S. gehörte. Auch soll Gerd Albartus, verurteiltes RZ-Mitglied und seit seiner Freilassung unter ständiger Observation von Polizei und Geheimdiensten, bei seinem Eintritt in die "Revolutionären Zellen" extra aus Düsseldorf angereist sein, um sich mit ihm und den "Illegalen" Sabine E. und Rudolf Sch. in Kreuzberg zu treffen.

Aus Sicherheitsgründen habe man ausschließlich Decknamen benutzt, behauptete Mousli, gleichzeitig will er sich aber "kontinuierlich über biographische Details" mit allen sogenannten Vereinsmitgliedern ausgetauscht haben haben. An diese "Details" konnte er sich aber kaum erinnern. So erfolgte die angebliche Identifikation des Angeklagten Matthias B. als "Heiner" im Jahre 2000 nicht durch Mousli, sondern durch den ihn vernehmenden Bundesanwalt Peter Morré. Obwohl Mousli in den Jahren 1985 bis 1990 Mitglied der Berliner RZ gewesen sein will, kann er sich an den Decknamen der von ihm beschuldigten Sabine E. zu dieser Zeit nicht erinnern. Zwar habe man sich "mehrmals im Monat, manchmal sogar dreimal die Woche" getroffen, aber wie er immerhin zwei Jahre lang Sabine E. angesprochen haben will, wußte er nicht. Gleichzeitig war er sicher, daß sie ab 1987 "Judith" hieß und mit "Jon", angeblich der Angeklagte Rudolf Sch., Gründungsmitglied der "RZ" war. Das habe man ihm jedenfalls erzählt.

Ausführlich wurde der Kronzeuge durch die Verteidiger zu seiner finanziellen Situation in den vergangenen Jahren befragt. Mousli, der sich zunächst mit Unterstützung der Bundesanwaltschaft weigerte, Angaben zu machen, wurde vom Gericht zu Aussagen gezwungen. Deutlich wurde, daß er in finanziellen Schwierigkeiten steckte. Er habe sich mehrfach Geld geliehen, auch sein Onkel auf Zypern habe ihm einmalig 100 000 Mark gegeben, um ihm die Selbständigkeit mit einem Kampfsportstudio zu ermöglichen. Dieses wie andere Studios seien aber nicht gut gelaufen. Auch heute noch habe er bei verschiedenen Personen mehrere zehntausend Mark Schulden.

Am Donnerstag wird das Verfahren mit der Vernehmung von Bundesanwalt Morré fortgesetzt.

Volker Eick

MAIL
http://www.freilassung.de/presse/berlin/jw160701.htm