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Datum:
16.06.2001
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Zeitung:
junge Welt
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Titel:
Tarek Mousli im RZ-Prozeß. Souveräner Auftritt eines
gut präparierten Kronzeugen
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Wie aus den Akten zitiert ...
Tarek Mousli im RZ-Prozeß. Souveräner Auftritt eines
gut präparierten Kronzeugen
Am Freitag ging der Berliner RZ-Prozeß in seine entscheidende
Phase. Von mehreren Personenschützern des Bundeskriminalamts (BKA)
begleitet, begann die Befragung des Kronzeugen Tarek Mousli (42). Auf
dessen Aussagen beruht ihm wesentlichen die Anklage gegen fünf
mutmaßliche Mitglieder der Revolutionären Zellen (RZ), gegen die
wegen zwei Sprengstoffanschlägen in Berlin 1987 und 1991 zur Zeit
verhandelt wird.
Höchste Sicherheitsstufe war angesagt. Die Zuschauerkontrollen
waren penibel, Ausweise wurden - wie beim ersten Verhandlungstag im
März - fotokopiert. Auch die Sitzordnung im Saal 500 des
Kammergerichts Moabit war geändert. Wo normalerweise die
Nebenkläger sitzen, mußten die fünf Angeklagten mit ihren
Verteidigern Platz nehmen. Die ihnen gegenübergelegene Bankreihe, auf
der ansonsten ein Teil der Angeklagten sitzt, war für Mousli und
seinen Zeugenbeistand Brikhoff reserviert. So ungewöhnlich wie die
Sitzanordnung, so ungewöhnlich auch der Weg, auf dem Mousli den
Gerichtssaal betrat. Er kam, von vier BKA- Beamten begleitet, die sich
umgehend im Raum verteilten, über einen Sondereingang, durch den die
Angeklagten in den Gerichtssaal geführt werden. Es war kurz nach 10
Uhr, als Mousli als Zeuge aufgerufen wurde. Doch es dauerte noch einige
Minuten, bis der Kronzeuge das Gericht betrat. "Das Gericht kommt
merkwürdig schnell voran - ohne auch bei offensichtlich
widersprüchlichen Aussagen nachzuhaken", so kommentierte der
Verteidiger von Matthias B., Wolfgang Kaleck, das nun beginnende
Schauspiel. Schnell werden der Lebenslauf des im Libanon geborenen Tarek
Mousli und sein politischer Werdegang abgehandelt. 1981/82 kam Mousli
"der Liebe wegen" - wie er süffisant gesteht - nach
Westberlin. Zuvor war er in Norddeutschland in der Anti-AKW- und
Hausbesetzerbewegung aktiv gewesen. Bis zu deren Illegalisierung
gehörte er der Redaktion der Zeitschrift radikal an. Daneben baute er
1983/84 eine "Funkgruppe" auf, die systematisch den Funkverkehr
von Polizei und Verfassungsschutz überwachte, und bewegte sich im
Umfeld des Kreuzberger Mehringhofs, wo er Karate lehrte. In diesem
Zusammenhang habe er auch einen Teil der Beschuldigten kennengelernt.
Die Befragung war ein zähes Unterfangen. "Bitte
präzisieren Sie das", so eine häufige Reaktion von Mousli
auf Fragen der Vorsitzenden Richterin Gisela Hennig, wenn sie, wie so oft,
mit dem Satz "Und wie weiter" die Vernehmung wieder aufnahm.
Die Qualität ihrer Fragen zeigte zudem deutlich, daß sie sich
nicht sehr intensiv mit den vorliegenden Akten auseinandergesetzt haben
kann. Dagegen war Mousli erkennbar gut auf seine Vernehmung vorbereitet
worden. Meistens souverän und selbstsicher nahm er Stellung. Manchmal
entstand der Eindruck, er würde aus den Akten regelrecht zitieren, so
hat Mousli selbst den Jargon seiner Vernehmungsbeamten übernommen.
Unsicher wurde Mousli allerdings an dem Punkt, wo nach den
Umständen gefragt wurde, die ihn bewogen haben, sich zum Kronzeugen zu
machen. "Ich war partout nicht bereit, meinen Kopf hinzuhalten
für Dinge, die ich nicht gemacht habe und die ich nicht zu
verantworten habe", so schilderte Mousli seine Reaktion auf den
Haftbefehl vom November 1999, in dem ihm der Vorwurf der
"Rädelsführerschaft" gemacht wurde. Erst zu diesem
Zeitpunkt habe er sich entschlossen, auf einen Deal mit der
Bundesanwaltschaft einzugehen. Allerdings mußte er nach Konfrontation
mit Telefonüberwachungsprotokollen eingestehen, daß auf ihn
schon im April 1999 Druck ausgeübt wurde, die Kronzeugenregelung in
Anspruch zu nehmen. "Das hat Methode, mich einzuschüchtern, mich
weichzukochen, um Aussagen zu machen", so Mousli in einem
Telefongespräch mit seiner ehemaligen Freundin Ende April 1999
über die damalige Ermittlungsarbeit des BKA. Daß das BKA und die
BAW mit ihren Methoden Erfolg hatten, zeigt der Prozeß. Peu à
peu wird allerdings immer deutlicher, daß über die Art und
Weise, wie Mousli zum Kronzeugen wurde, nur Bruchteile bekannt sind.
Beat Makila
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