|
Datum:
06.06.2001
|
Zeitung:
jungle world
|
Titel:
BKA auf Schnipseljagd
|
BKA auf Schnipseljagd
Im Prozess gegen fünf mutmaßliche Mitglieder der Revolutionären
Zellen könnten verschwundene Stasi- Akten noch eine große
Rolle spielen.
Am 9. September 1982 passiert IM Beate Schäfer einen der
Grenzübergänge von West- nach Ostberlin. Wie schon öfters in
den vergangenen Monaten trifft sie sich bei Kaffee und Kuchen in einer
konspirativen Wohnung mit dem Genossen Helmut Voigt. An diesem Nachmittag
erstattet die informelle Mitarbeiterin des Ministeriums für
Staatssicherheit der DDR wieder ausführlich Bericht über die
linke Szene im Westen, immer die Fragen des Geheimdienstlers
beantwortend:
"Wer macht was?" Vor allem aus dem Rhein-Main-Gebiet kann IM
Beate Schäfer, die taz-Journalistin Brigitte Heinrich, viel
erzählen.
Ihr Gegenüber ist führender Offizier im Range eines Majors der
für Terrorabwehr zuständigen Hauptabteilung XXII des Ministeriums
für Staatssicherheit.
Den Stasi-Mann interessieren vor allem die Stadtguerilla-Gruppen im
Westen. Seine Aufträge lauten: "operativ-analytische Verfolgung
der Aktivitäten der Revolutionären Zellen (RZ)" sowie
"Erfassung aller Personen mit RZ-Bezügen und Einleitung einer
differenzierten operativen Bearbeitung".
Gemessen an diesen Vorgaben sind die bei der Gauck-Behörde heute
noch vorhandenen Akten sehr lückenhaft. Zum Beispiel fehlen
sämtliche Jahresberichte zu den RZ seit Mitte der achtziger Jahre,
obwohl "wegen laufender Ermittlungen" offiziell nur die Akten zur
Carlos-Gruppe und ihrem Umfeld für die Öffentlichkeit gesperrt
sind. Wohin die fehlenden Akten verschwunden sind, ist nicht
geklärt.
Möglicherweise hat sie in den Tagen der Wende ein Stasi-Mitarbeiter
mit nach Hause genommen und verbrannt. Oder sie an eine interessierte
westdeutsche Behörde verkauft. Oder aber die Akten liegen als
Papierschnipsel in den Flugzeughangars in Zünsdorf bei Berlin. Dort
werden seit Jahren Millionen durch den Reißwolf gedrehter Akten in
archäologischer Kleinarbeit zusammengesetzt.
Deshalb ist unbekannt, wie viele und welche dieser Akten sich heute in
den Händen der Bundesanwaltschaft (BAW) und des Bundeskriminalamts
(BKA) befinden.
Doch im Dezember vergangenen Jahres bestätigte der lange Jahre
für die RZ zuständige Fahndungsleiter beim BKA, Klaus Schulzke,
im Prozess gegen den früheren RZ-Aktivisten Tarek Mousli, dass dessen
Aussagen zum Teil mit Stasi-Akten übereinstimmen. Akten dieses Inhalts
aber sind bei der Gauck-Behörde nicht zu finden.
Der Verdacht, Mousli könnte mit Informationen aus den
verschwundenen Akten präpariert worden sein, bekam vorige Woche
zusätzliche Nahrung. Im Prozess gegen die mutmaßlichen
RZ-Mitglieder Rudolf Schindler, Sabine Eckle, Harald Glöde, Matthias
Borgmann und Axel Haug vor dem Berliner Kammergericht fanden deren
Anwälte über eine Aktennotiz heraus, dass dem Kronzeugen Mousli
umfangreiche Akteneinsicht gewährt wurde. Diese Woche nun soll die BAW
Auskunft geben, warum die Akten überlassen wurden und ob nicht auch
die der Stasi darunter sind. Auch der frühere BKA-Fahnder Schulzke
wird als Zeuge erwartet.
Möglich, dass er noch mehr über die Übernahme des
DDR-Herrschaftswissens durch die Westfahnder zu berichten weiß.
Gleichzeitig mit dem Zusammenbruch der DDR begannen die Ermittler damals,
Jagd auf die umfangreichen Akten der Stasi zu machen. So berichtet das
ehemalige RZ-Mitglied Gerd Schnepel, dass BKA-Beamte im Frühjahr 1991
bei ihm mit der Bemerkung, sie seien die "Nachlassverwalter der
Stasi", vor der Haustür standen.
Hinweise auf die Aktivitäten Schnepels in den Revolutionären
Zellen hofften die Ermittler den Akten über die Carlos-Gruppe
entnehmen zu können. Doch die Richter beim Bundesgerichtshof (BGH) in
Karlsruhe lehnten die Ausstellung eines Haftbefehls gegen Schnepel wegen
Rädelsführerschaft in der RZ ab. Stasi-Unterlagen als Beweise
reichten ihnen nicht aus. Auch den BGH-Richtern war aufgefallen, wie
widersprüchlich die Akten oft sind. So wird etwa die später der
Mitgliedschaft in der Carlos-Gruppe bezichtigte Christel Fröhlich in
den Stasi-Akten schon 1970 den RZ zugerechnet, obwohl diese erst im Herbst
1973 gegründet wurden. Und in der Akte von IM Beate Schäfer
findet sich so ziemlich alles, was die taz-Journalistin zu dem Thema zu
wissen vorgab. Von einer Frau Y. ist beispielsweise die Rede, die
"fest zur RZ im Raum Ff/M. gehört". Oder von einem
Journalisten, der über "Kontakte zu Sicherheitsbehörden
verfügt" und von dem Anfang 1982 die Warnung vor einer
Polizeiaktion gegen die RZ gekommen sein soll.
Immerhin könnten die informellen Erkenntnisse aus diesen Akten
einen Erklärungsansatz für den erbarmungslosen Verfolgungswillen
von BAW und BKA im Fall Rudolf Schindler liefern. In den jährlichen
Lageberichten der Stasi zu Beginn der achtziger Jahre wird der Mann, der im
Frankfurter Opec-Prozess im Februar bereits freigesprochen wurde und nun in
Berlin erneut vor Gericht steht, immer wieder zusammen mit drei anderen
Personen als einer der Führungsköpfe der Inlands-RZ benannt.
Gleichzeitig wird in anderen Akten festgestellt, dass er sich in diesen
Jahren in Südeuropa aufgehalten habe.
Die durchaus widersprüchliche Politik der Stasi in Sachen RZ
lässt sich zum einen aus der Angst der DDR-Sicherheitsbehörden
vor einer Ausweitung der RZ-Aktivitäten auf die DDR erklären. So
mobilisierte die Stasi einerseits etliche IMs, als Mitte der achtziger
Jahre eine Duisburger Wohngemeinschaft mit "RZ-Bezug" einen
privaten Ausflug nach Jena machte. Andererseits warnte das MfS im Dezember
1987 mehrere vermeintliche RZ-Mitglieder telefonisch vor einer groß
angelegten Durchsuchungsaktion des BKA, sodass einigen rechtzeitig die
Flucht gelang. Das zumindest berichten ehemalige RZ-Mitglieder in ihrem im
April veröffentlichten Papier mit dem Titel
"Rauchzeichen".
Wie selektiv die Fahnder die Stasi-Akten lesen, zeigt ein weiterer
Bericht von IM Beate Schäfer. So könnte Voigts Aktennotiz, wonach
seiner Informantin eine Person namentlich bekannt sei, die wisse, welche
Gruppe der RZ den tödlichen Anschlag auf den hessischen
Wirtschaftsminister Karl-Heinz Karry im Mai 1981 verübte, durchaus
noch Folgen haben. Denn ein paar Zeilen weiter heißt es, dass es sich
"bei der Tötung von Karry wirklich nur um ein Versehen
handelte". Trotzdem versucht die Bundesanwaltschaft, gegen den auch
in Berlin angeklagten Rudolf Schindler ein weiteres Ermittlungsverfahren
wegen Mordes an Karry zu konstruieren.
Über ihre Motive kann man Brigitte Heinrich heute nicht mehr
befragen. Sie starb im Dezember 1987 an Krebs. Jahrelang war sie im
antiimperialistischen Kampf aktiv, saß wegen Waffenschmuggels von der
Schweiz in die BRD mehrere Monate im Knast, war Abgeordnete der Grünen
im Europa-Parlament und seit Anfang der achtziger Jahre
Lebensgefährtin des RAF-Anwalts Klaus Croissant.
Auch er erstattete unter dem Namen IM Taler fast monatlich in Ostberlin
Bericht. Doch von ihm finden sich in den Akten der Gauck-Behörde
nur noch die Kassenbelege seiner Aufwandsentschädigungen, seine
IM-Berichte sind verschwunden. Vermutlich haben Croissant und Heinrich
wegen ihrer unverhohlenen ideologischen Nähe zu den DDR-Machthabern
den Kontakt mit der Stasi gesucht. Zudem sind IM Beate Schäfer
und IM Taler nicht die einzigen Spitzel. In der zentralen Aktenverwaltung
der Stasi werden noch IM Peter und Petra Lange als Spezialisten
für das Thema RZ geführt. Doch auch von ihnen fehlen alle
Akten, ihre Identität ist nicht bekannt. Allein die Kassenbelege
sind noch zu finden.
|