 |
|
Datum:
22.03.2001
|
Zeitung:
Frankfurter Rundschau
|
Titel:
Schlachten der Vergangenheit
|
Schlachten der Vergangenheit
Heute beginnt in Berlin der vermutlich letzte große Prozess
zu den Terroranschlägen der "Revolutionären Zellen"
Tarek Mousli ist ein durchtrainierter, dunkelhaariger Mann von 41
Jahren. Seine Stimme klingt ruhig. Der Deutsch-Palästinenser verzieht
keine Miene, wenn er über seine Vergangenheit erzählt -
beziehungsweise das, was er nach monatelangen Gesprächen mit der
Bundesanwaltschaft dazu erkoren hat. Besonders eingehend berichtet er
über die Zeit, als er im linksalternativen Berliner Kultur- und
Politzentrum Mehringhof ein- und ausging. Weil er im Gerichtssaal geredet
hat und dies nun erneut tun soll, ist Mousli für ehemalige
Weggefährten ein "Verräter" und für die autonome
Szene ein rotes Tuch.
Im Angesicht Mouslis könnte man "Mordphantasien"
bekommen, schreibt eine Autorin im linksradikalen Blatt Interim. Der
trage zwar unter dem grauen Rolli eine kugelsichere Weste. Aber, notiert
die Frau militant: "Bei dem ginge es wohl auch weniger ums Herz als
vielmehr um den Kopf." Mouslis Aussagen haben dazu geführt, dass
drei Männer und eine Frau aus der Szene, alle Anfang 50, vom heutigen
Donnerstag an in Berlin vor Gericht stehen. Sie sollen Mitglieder der in
den 90er Jahren aufgelösten Revolutionären Zellen (RZ) gewesen
sein und sich von 1986 bis 1991 in unterschiedlicher Zusammensetzung an
Anschlägen in Berlin beteiligt haben - darunter den
"Knieschussattentaten" auf den Bundesverwaltungsrichter
Günter Korbmacher und den Chef der Berliner
Ausländerbehörde, Harald Hollenberg. Der Prozess könnte das
letzte große Verfahren zum Terrorismus der 80er Jahre in Deutschland
werden.
Im Blickpunkt steht dabei mit dem Mehringhof eines der
größten und bekanntesten Alternativzentren Deutschlands. Auf dem
ehemaligen Fabrikgelände in Kreuzberg hängen neben den
Unterstützungs-Appellen für Globalisierungsgegner und für
Opfer rassistischer Übergriffe auch "Soli"-Plakate, die die
"Freilassung von Axel, Harald, Matthias und Sabine" fordern. Axel
H. war der Hausmeister des Mehringhofs, Harald G. Mitbegründer des
dortigen "Forschungszentrums Flucht und Migration" (FFM). Beide
sitzen seit Dezember 1999 im Gefängnis.
Im April 2000 wurde auch Matthias B., Mitarbeiter der Technischen
Universität Berlin, inhaftiert. Gleichzeitig mit den beiden
Männern vom Mehringhof war in Frankfurt Sabine E. verhaftet worden,
die Lebensgefährtin des vor wenigen Wochen im Opec-Prozess
freigesprochenen Rudolf Schindler. Zwei weitere von Mousli Beschuldigte
müssen sich nicht vor Gericht verantworten: Schindler, gegen den nach
Ansicht des Kammergerichts schon in Frankfurt wegen der Mitgliedschaft in
einer terroristischen Vereinigung verhandelt worden war, und der in Kanada
festgenommene Lothar E.
Im Mehringhof trifft sich seit der Gründung des Zentrums vor gut
zwei Jahrzehnten "die ganze Polit-Szene", wie Hausmeister H. kurz
vor seiner Verhaftung erzählte. Bis heute beherbergt der Hof ein
linkes Kabarett, einen alternativen Buchladen, das Antifaschistische
Infoblatt, ein Fahrradgeschäft, das Autonome Mädchenhaus und
vieles mehr. Der aktuelle Etagen-Putzplan für das vierte Stockwerk des
Mehringhofs verschont die Flüchtlingslobbyisten des FFM. Das trifft
sich gut, denn die Kollegen des verhafteten Harald G. haben reichlich zu
tun - nicht nur, weil an der Straßenecke vor dem Gerichtsgebäude
nach guter alternativer Tradition das "Frühstück zur
Prozesseröffnung" als politische Aktion zelebriert wird. Vor
allem koordinieren Dominique John, Helga Seyb und andere das
"Bündnis für Freilassung", das auf der Internet-Seite
www.freilassung.de über den Prozess informiert. Sie vermelden breite
Unterstützung aus dem linken Spektrum, von
Flüchtlingsinitiativen, kirchlichen und gewerkschaftlichen
Gruppen.
Aus den Solidaritätsadressen klingt das Lied vom Staat, der die
Linke einschüchtern und mundtot machen wolle. In den Strophen werden
Indizien angeführt: etwa die Polizeirazzia am Mehringhof Ende 1999,
als mehrere hundert Polizisten wüst vorgingen; die lange Haftdauer der
Angeklagten, die dem "Beschleunigungsgebot" widerspreche; der
Terrorismus-Paragraphen 129a und die Kronzeugenregelung, die für eine
Willkür-Justiz gegen Linke stünden. Weitgehend ausgespart wird
freilich eine Frage, die doch nahe läge: wie nämlich die Szene
heute zu den brutalen Knieschussattentaten von damals steht.
Man merkt deutlich, wie schwer sich viele damit tun. Liegt das nicht
ewig zurück? "Die Bundesanwaltschaft hat eine Geschichte wieder
ausgegraben, die schon abgeschlossen erschien", sagt John. "Wir,
die so um die 50 rum sind, waren alle überrascht, von der eigenen
Vergangenheit eingeholt zu werden", erzählt
Mehringhof-Mitbegründer Hansi Scharbach, der einst mit Axel H. einen
Weinladen betrieb und heute eine Kneipe in Kreuzberg führt. Scharbach
ärgert sich über Mousli ( "Warum erzählt der so viel,
was er gar nicht erzählen müsste?") und spricht von einem
"Ehrenkodex". Er erinnert sich an eine Stimmung, in der die
Knieschüsse als legitim galten.
Aber was gilt heute? "Man wird kaum jemanden finden, der bruchlos
eine Linie ziehen will von den Aktionen der RZ bis heute", sagt
Dominique John. Doch genau so schwer ist es, in der Szene jemand zu finden,
der die RZ-Taten öffentlich verurteilt. Einige junge Autonome fordern
von den Angeklagten, sich zur militanten Szene zu bekennen. Alte
Weggefährten der Verhafteten wollen dagegen vor allem eines: dass die
Leute bald freikommen.
In den Plenen, zu denen sich die Mitglieder der Mehringhof-Projekte
regelmäßig versammeln, ist all das sowieso nicht das Thema
Nummer eins. Die legendäre Hof-Kneipe "Ex" hat vor kurzem
geschlossen; die Frage nach neuen Betreibern interessierte die meisten
erheblich mehr als die politischen Schlachten von gestern.
Auch der Gerichtssaal 500 wird nicht zum Ort linker
Vergangenheitsbewältigung werden - zumal, wenn die Angeklagten
schweigen. Ihre Anwälte werden anprangern, mit welchen Mitteln die
Justiz die ergrauten Linken als mutmaßliche Ex-Mitglieder der
längst aufgelösten RZ verfolgt. Einer der Verteidiger, Wolfgang
Kaleck, spricht von einem "politischen Verfahren", in dem
"Sonderstrafrecht" angewendet werde. Damit meint er den
Paragraphen 129a, mit dessen Hilfe Straftaten noch angeklagt werden
können, die eigentlich schon verjährt sind - weil sie durch die
"Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung" miteinander
verklammert werden. Zudem kritisiert Kaleck die Kronzeugenregelung, die
zwar Ende 1999 abgeschafft wurde, aber für den kurz davor verhafteten
Mousli gerade noch gilt. Alles wird davon abhängen, wie
widerspruchsfrei und glaubwürdig der aussagt. Internationale
Prozessbeobachter, die von den Unterstützern aufgeboten werden, sollen
das Verfahren mit Argusaugen verfolgen.
Die Beteiligten stellen sich auf einen langen Prozess ein. Bisher hat
das Gericht 31 Verhandlungstage bis in den August hinein festgelegt. Das
Mousli betrefffende Verfahren war wesentlich kürzer. Nach vier
Gerichtstagen verließ er den Saal als freier Mann - und lebt jetzt
mit neuer Identität unter den Fittichen des staatlichen
"Zeugenschutzprogamms".
Pitt von Bebenburg
|