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Datum:
20.07.2001
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Zeitung:
Frankfurter Allgemeine Zeitung
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Titel:
Klassenkameraden
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Klassenkameraden
Ein Bundesanwalt trug mutmaßliches RZ- Mitglied spazieren
Bundesanwalt Peter Morré, der seit 1981 gegen die
Revolutionären Zellen (RZ) ermittelte, saß 1996 auf einer
Geburtstagsfeier mit einem mutmaßlichen RZ-Mitglied am Kaffeetisch.
Morré sagte gestern im Moabiter RZ-Prozeß als Zeuge über
die Identifizierung des Angeklagten Matthias B. durch den Kronzeugen Tarek
M. aus. Dem Kronzeugen war Matthias B. im Zusammenhang der
Revolutionären Zellen nur unter dem Decknamen "Heiner"
bekannt. Nur durch einen Zufall brachte Bundesanwalt Morré bei einer
Vernehmung im Januar 2000 den Kronzeugen dazu, "Heiner" als
Matthias B. zu identifizieren. Morré verfolgte zunächst
lediglich die Absicht, Tarek M. über die Ermordung des hessischen
Wirtschaftsministers Heinz Herbert Karry zu befragen. Die
Revolutionären Zellen hatten 1981 in einem Bekennerschreiben die
Verantwortung für das Attentat auf den hessischen Wirtschaftsminister
übernommen. Morré wollte von Tarek M. wissen, ob das
untergetauchte RZ-Mitglied Thomas Kram der Autor dieses Bekennerschreibens
sei. Gesprächsweise erwähnte Morré am Rande des
Verhörs, daß er selbst einige Jahre vor Kram die Steglitzer
Schiller- Oberschule besucht hatte. Seine alte Klassenlehrerin habe ihm
einmal erzählt, daß ihr Sohn mit dem zur Fahndung
ausgeschriebenen RZ-Mitglied Kram befreundet war. Tarek M. wollte daraufhin
von Morré den Vornamen des Sohnes wissen. Nachdem der Bundesanwalt
ihm diesen mitgeteilt hatte, erinnerte sich der Kronzeuge daran, daß
in seiner Revolutionären Zelle mehrfach die Rede davon war,
"Malte" alias Kram und "Heiner" seien Schulfreunde
gewesen. Außerdem fiel ihm ein, daß er "Heiner" in
den 90er Jahren bei montaglichen Veteranentreffen der Altlinken im
Kreuzberger Mehrhinghof wieder begegnet ist. Am Tresen der Kneipe
"Ex" war er unter dem Rufnamen Matti bekannt. "Das kann doch
nicht wahr sein", habe er im Augenblick dieser Aussage gedacht, sagte
Morré.
Der Bundesanwalt kannte Matthias B. noch aus der eigenen
Penälerzeit, als er den kleinen Sohn seiner Lehrerin am Wandertag auf
den Schultern spazierentrug. Beim achtzigsten Geburtstags seiner
Klassenlehrerin im Jahr 1996 unterhielten sich dann der Bundesanwalt und
der mutmaßliche RZ- Terrorist beim Kaffeetrinken in Steglitz.
"Sie können mir glauben, daß ich sehr bewegt war, als ich
hörte, daß der Sohn meiner alten Klassenlehrerin ein Mitglied
der terroristischen Vereinigung Revolutionäre Zellen sein soll",
sagte Morré gestern im Moabiter Gerichtssaal. Im März dieses
Jahres vernahm Morré dann persönlich Matthias B. zur Mordsache
Karry und stellte ihm eine mildere Bestrafung in Aussicht, falls er zur
Aufklärung des Mordfalles beitrage. B. habe jedoch "unter
ständiger Bewachung seines Rechtsanwaltes" gestanden und sei
nicht aussagebereit gewesen. Er wolle hier ganz ehrlich sagen,
erklärte Morré, daß ihm auch daran gelegen war, Matthias
B. zu einem positiven Aussageverhalten zu bringen, um "den Kummer
seiner lieben Mutter etwas zu lindern".
Die Befragung des Bundesanwalts durch die Anwälte von Matthias
B. fiel nur kurz aus. Morré konnte die hilfreiche Rolle von
"Kommissar Zufall" so überzeugend darstellen, daß
selbst dem ansonsten zungenfertigen Rechtsanwalt Eisenberg keine
Frage mehr einfiel. Gegen Eisenbergs "Dazwischengequatsche"
hatte sich am Vormittag Rechtsanwältin Lunnebach energisch
verwahrt, als sie den Ermittlungsführer des Bundeskriminalamtes,
Klaus Schulzke, ins Kreuzverhör nahm. Dabei wurde deutlich,
daß der inzwischen pensionierte Kriminalhauptkommissar zumindest
in einer entscheidenden Verhörsituation seine Vernehmungsakten
nicht ordentlich geführt hat. Er löste nämlich Aussagen
des Kronzeugen über Matthias B. aus dem chronologischen Vernehmungsverlauf
heraus, um sie gesondert zusammenzufassen. Schulzkes Versuch, diesen
offenkundigen Fehler zu kaschieren, führte schließlich
auf Intervention von Rechtsanwalt Becker zu einer Belehrung durch
die Vorsitzende Richterin. Danach gestand Schulzke ein, daß
er sich angesichts zahlreicher Verhörtage nicht mehr genau
an den umstrittenen Vorgang erinnern könne. Bundesanwalt Morré
bewältigte die Erinnerungslücken in seiner Vernehmung
eleganter. Tempi passati, sagte er dann und lächelte verschmitzt.
Jochen Staadt
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