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Presse

Datum:
16.06.2001

Zeitung:
Frankfurter Allgemeine Zeitung

Titel:
Toni und der Kronzeuge

Toni und der Kronzeuge

Der Kronzeuge ließ lange auf sich warten. Es dauerte fast fünf Minuten, bis der geständige Ex-Revolutionär Tarek M. nach dem Aufruf der Richterin von Beamten des Zeugenschutzprogramms in den Gerichtssaal geleitet wurde. Der erste Auftritt des Zeugen der Anklage im Moabiter Prozeß gegen fünf mutmaßliche Mitglieder der Revolutionären Zellen (RZ) wurde seit Wochen mit Spannung erwartet. Entsprechend hoch war der Publikumsandrang. Zahlreiche frühere Kampfgefährten aus der Hausbesetzerbewegung waren erschienen, um dem "Verräter" ins Auge zu schauen. Einige Prozeßbesucher trugen T-Shirts mit der Aufschrift "Toni". Das war eine Anspielung auf den Decknamen eines sechsten RZ- Mitgliedes. Trotz der ausführlichen Aussagen des Kronzeugen über "Tonis" Beteiligung an mehreren Terroranschlägen konnte die wahre Identität dieses Mannes bislang nicht ermittelt werden.

Das Toni-Phantom wird im RZ-Prozeß zu einem späteren Zeitpunkt sicher noch eine Rolle spielen. Gestern äußerte sich der Kronzeuge zunächst ausführlich zu seiner Lebensgeschichte. Tarek M. war bis zum Jahr 1999, als er wegen Sprengstoftbesitzes festgenommen wurde, Mitinhaber mehrerer Sportstudios in Berlin. Er kam 1959 im Libanon als Sohn einer deutschen Kauffrau und eines saudi-arabischen Kaufmannes zur Welt. M. übersiedelte 1964 mit seiner Mutter nach Düsseldorf, nachdem sein Vater bei einem Flugzeugabsturz ums Leben gekommen war. Seinen Familienangehörigen im Libanon blieb M. bis zum Beginn des Bürgerkrieges im Jahr 1974 durch zahlreiche Ferienaufenthalte eng verbunden. Er besuchte verschiedene Internate und studierte nach dem Abitur zunächst in Hamburg Mathematik, dann in Kiel Geschichte und seit 1982 in Berlin Informatik. Als Oberschüler war Tarek M. einer Schülergruppe des Kommunistischen Bundes Westdeutschlands beigetreten. Ausschlaggebend für dieses erste politische Engagement in einer linken Organisation waren für ihn die israelischen Angriffe auf ein palästinensisches Flüchtlingslager in Beirut, die er als Augenzeuge miterlebt hatte. In Berlin schloß sich M. der Hausbesetzerbewegung an und betätigte sich auf deren militantem Flügel, bevor er zu den Revolutionären Zellen stieß.

Tarek M. beantwortete gestern ruhig und konzentriert alle Fragen der Vorsitzenden Richterin. Verunsichert reagierte er lediglich auf die von Seiten der Anwälte gestellte Frage nach den Umständen, unter denen ihm die Kronzeugenregelung angeboten wurde. Über das entscheidende Telefongespräch, das er mit seiner Lebensgefährtin geführt hatte, bevor er sich zu umfangreichen und belastenden Aussagen zu den Anschlägen der Revolutionären Zellen entschloß, mochte er keine Fragen beantworten. Das Gericht vertagte die Entscheidung über seine Aussagepflicht in dieser Angelegenheit auf nächsten Donnerstag.

FU-Professor Wolf-Dieter Narr kritisierte in einer vor dem Gerichtssaal verbreiteten Erklärung die Einführung der Kronzeugenregelung und ihre Anwendung in dem RZ Verfahren. Der Vorsitzenden Richterin warf Narr im Namen des "Komitees für Grundrechte und Demokratie" vor, sie beteilige sich an einem "Possenspiel, das einem grundrechtlich gegründeten Strafverfahren hohnspricht".

Jochen Staadt

MAIL
http://www.freilassung.de/presse/berlin/faz160601.htm