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Datum:
23.03.2001
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Zeitung:
Berliner Zeitung
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Titel:
Der letzte Terroristenprozess
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Der letzte Terroristenprozess
Seit Donnerstag stehen mutmaßliche Mitglieder der Revolutionären
Zellen vor dem Kammergericht
Der erste Verhandlungstag endete bereits nach zwei Stunden. Im Prozess
gegen vier mutmaßliche Mitglieder der linksextremen
Revolutionären Zellen (RZ), die an Sprengstoffanschlägen
beteiligt gewesen sein sollen, vertagte die Richterin das Verfahren noch
vor dem Verlesen der Anklage. Sie entsprach damit einem Antrag der
Verteidigung, die um eine Unterbrechung gebeten hatte.
Im Mittelpunkt des ersten Prozesstages standen die verschärften
Sicherheitsvorkehrungen im Kammergericht in Moabit. Die Personalausweise
der Besucher wurden abgelichtet. Internationale Prozessbeobachter, die auf
Einladung des "Berliner Bündnisses für Freilassung"
gekommen waren, mussten Papier und Bleistift abgeben. "Aus
Sicherheitsgründen", wie es hieß. Und der Rechtsanwalt und
grüne Bundestagsabgeordnete Hans-Christian Ströbele durfte den
Gerichtssaal erst nach der Intervention des Verteidigers Johannes Eisenberg
betreten. Die Verteidigerin Edith Lunnebach bezeichnete diese
Maßnahmen als "unverhältnismäßig". Sie
kritisierte vor allem, dass die Beamten des Bundeskriminalamtes, die den
Kronzeugen Tarek Mousli schützen sollen, im Gerichtssaal Pistolen
tragen dürfen. Ein Vertreter der Bundesanwaltschaft begründete
diese Anordnung: Der Kronzeuge sei in "hohem Maß
gefährdet".
Mousli, ein 42 Jahre alter Karatelehrer und früherer RZ-Aktivist,
saß im vergangenen Jahr selbst auf der Anklagebank und war mit einer
Bewährungsstrafe davongekommen. Er lebt jetzt an einem geheim
gehaltenen Ort. In der Szene gilt er als Verräter. Denn Mousli nutzte
die Kronzeugenregelung, die es inzwischen nicht mehr gibt. Er nannte die
Namen derer, die jetzt vor Gericht stehen. Es sind Sabine E. (54),
Galeristin und Ehefrau des Mitangeklagten Rudolf S. im Frankfurter
Opec-Prozess, Harald G. (52), Mitarbeiter im Kulturzentrum des
Mehringhofes, Axel H. (51), Hausmeister im Mehringhof sowie der
frühere Leiter des Akademischen Auslandsamtes der Technischen
Universität, Matthias B. (52). Der Generalbundesanwalt wirft ihnen die
Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung vor. Außerdem
soll ihnen mit Hilfe der Aussagen Mouslis die Beteiligung an
Anschlägen nachgewiesen werden.
Im Einzelnen handelt es sich um einen Sprengstoffanschlag auf die
Zentrale Sozialhilfestelle für Asylbewerber in Wedding im Februar 1987
und um einen weiteren Sprengstoffanschlag auf die Siegessäule im Jahr
1991. Zur Sprache gebracht werden sollen auch die Anschläge auf den
damaligen Leiter der Ausländerbehörde Harald Hollenberg, der 1986
durch gezielte Beinschüsse ebenso verletzt wurde wie ein Jahr
später der Vorsitzende Richter des Bundesverwaltungsgerichts,
Günter Korbmacher. Diese beiden Anschläge sind zwar
verjährt, sie gelten aber als Beweis für die Mitgliedschaft in
einer terroristischen Vereinigung.
Die Angeklagten sitzen seit 15 beziehungsweise elf Monaten in U-Haft,
alle Anträge auf Haftverschonung hat die Bundesanwaltschaft bisher
abgelehnt. Rechtsanwalt Eisenberg wirft ihr daher vor, "die Leute in
der U-Haft gefügig machen zu wollen". Und der Verteidiger
Wolfgang Kaleck sagt, dass die andauernde U-Haft in keinem Verhältnis
zu der zu erwartenden Strafe stehe, die höchstens sechs Jahre betrage.
"Die würden sehr schnell in den offenen Vollzug kommen."
Fluchtgefahr bestünde außerdem nicht. "Die Angeklagten
leben in gesicherten Verhältnissen", sagte er. Kaleck vermutet,
dass U-Haft und Sicherheitsvorkehrungen Teil einer "Inszenierung der
Bundesanwaltschaft sind, die einen Terroristenprozess so betreiben, wie sie
es von früher gewohnt sind." Es solle "eine
Gefährlichkeit suggeriert" werden, die Kaleck als abwegig
bezeichnete. Ein Vertreter der Bundesanwaltschaft warf den Verteidigern
wiederum vor, dass "eine Inszenierung auf der anderen Seite
stattfindet" und die Bundesanwaltschaft kein Interesse daran habe,
einen "klassischen Terroristenprozess durchzuziehen". Der
Mammutprozess, für den 31 Verhandlungstage angesetzt wurden, gilt als
der letzte Terroristenprozess in Deutschland.
Die Revolutionären Zellen haben sich vor einigen Jahren
aufgelöst. Die Mitglieder verübten mindestens 186 Anschläge,
darunter 40 in Berlin. Sie galten als "Feierabendterroristen", da
sie ein bürgerliches Leben führten. Der Prozess wird nächste
Woche fortgesetzt.
Thorkit Treichel
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