|
Datum:
18.05.2001
|
Zeitung:
Berliner Zeitung
|
Titel:
Der Prozess gegen die Revolutionären Zellen hat begonnen
|
Der Prozess gegen die Revolutionären Zellen hat begonnen
Das Kammergericht will Terrorakte aus den 80er-Jahren aufklären
Vor drei Monaten, am 15. Februar 2001, verließ Rudolf Schindler
als freier Mann den Gerichtssaal des Landgerichtes Frankfurt am Main. Der
58-Jährige war im Opec-Prozess aus Mangel an Beweisen vom Vorwurf der
Beteiligung an dem Überfall auf die Wiener Ölministerkonferenz im
Jahr 1975 freigesprochen worden. Seit gestern steht er in Berlin erneut vor
Gericht - wegen Rädelsführerschaft in der terroristischen
Vereinigung "Revolutionäre Zellen" (RZ). Mit Schindler sind
vier weitere mutmaßliche Terroristen angeklagt, darunter auch seine
Frau Sabine Eckle.
Seit ihrer Gründung im Jahre 1975 sollen die RZ 40 Anschläge
in Berlin und dem Umland verübt haben. In dem Prozess vor dem 1.
Strafsenat des Kammergerichts geht es um vier Anschläge: Darunter ist
das Attentat auf den ehemaligen Leiter der Ausländerbehörde
Harald Hollenberg, der im Oktober 1986 durch zwei Schüsse in die Beine
verletzt wurde. Ebenso geht es um den Anschlag auf den ehemaligen Richter
am Bundesverwaltungsgericht Günter Korbmacher, der im September 1987
in den Unterschenkel geschossen wurde. Rudolf Schindler, so heißt es
in der Anklage, soll die Schüsse abgegeben haben, seine Frau Sabine
Eckle war angeblich dabei. Die Bundesanwaltschaft hält die beiden
für die führenden Köpfe der RZ, die anderen drei Angeklagten
für Mitglieder.
Ein ehemaliges RZ-Mitglied hat das so ausgesagt. Der Karate-Lehrer Tarek
Mousli ist Kronzeuge in dem Prozess und soll im Juni gehört werden.
Seitdem gilt er in der Szene als "Verräter". Mousli wurde im
Dezember in Berlin lediglich zu einer zweijährigen
Bewährungsstrafe verurteilt.
Im Gerichtssaal steht Schindlers Stuhl dicht neben dem seiner
54-jährigen Frau. Schindler und Eckle dürften sich in den
vergangenen Monaten kaum gesehen haben. Eckle sitzt seit nunmehr 17 Monaten
in Berlin in Untersuchungshaft, Schindler hatte nur einmal Gelegenheit, sie
zu besuchen. Denn bald nach seiner Freilassung in Frankfurt wurde er erneut
verhaftet. Die Bundesanwaltschaft hatte ihn gleich nach dem Opec-Prozess
wegen der Attentate in Berlin angeklagt. In Berlin lief zu dieser Zeit
bereits ein Prozess wegen der gleichen Vorwürfe gegen die anderen vier
Angeklagten. Dieses Verfahren wurde wegen Schindler ausgesetzt, das
Kammergericht wollte nicht zweimal parallel verhandeln. Schindler will sich
ebenso wie die anderen nicht zu den Vorwürfen äußern.
Ein Angeklagter nannte gestern den Prozess mit seinen starken
Sicherheitsvorkehrungen eine "Inszenierung". So sei er nach
seiner Verhaftung in Westdeutschland in einem Konvoi von drei Fahrzeugen
und mit "acht bis neun Sicherheitsbeamten" nach Berlin gebracht
worden. Der Mann ist Politologe und sitzt - obwohl er Familie und einen
festen Wohnsitz hat - wegen Fluchtgefahr ebenfalls seit 17 Monaten in
Untersuchungshaft.
Zuschauer im Saal quittierten seine Erklärung mit lautem Klatschen.
Ein Besucher schimpfte laut auf die
"Generalbundesanscheißer". Daraufhin wurde der Mann von
fünf Wachtmeistern nach vorn zum Richtertisch gebracht. Die
Vorsitzende Richterin Gisela Hennig fragte nach den Personalien. Dann
durfte sich der Mann wieder setzen.
|