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Datum:
05.04.2001
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Zeitung:
Berliner Zeitung
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Titel:
Die FDP, Künast und die Vergangenheit
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Die FDP, Künast und die Vergangenheit
Nach Joschka Fischer und Jürgen Trittin nun Renate Künast.
Auch die neue Ministerin hat Vergangenheit und die FDP hat sie
"Spiegel"-lesend entdeckt. Distanzierung wird wieder erwartet am
heutigen Donnerstag im Bundestag, denn der Antrag der Liberalen lautet:
"Künast muss Unterschrift zurückziehen". FDP-Chef
Wolfgang Gerhardt bringt Emotion in das Begehren. "Dass eine
Ministerin so etwas unterschreibt, ist kein beliebiger Vorgang." Es
gehe immerhin um Terrorismus und die Unabhängigkeit der Justiz.
Gemach. Unterschrieben hat Künast am 23. März 2000, also vor
einem Jahr, als sie noch nicht Ministerin war, einen Aufruf für die
"sofortige" Freilassung von sechs Menschen, die Mitglieder der
"Revolutionären Zellen" gewesen sein sollen. Unterschrieben
hat sie den Aufruf, so die Begründung, weil den sechs einerseits
Straftaten und Anschläge zur Last gelegt werden, die zumeist
verjährt sind, und weil ihnen andererseits im Kern der Paragraf 129 a
vorgehalten wird: "Unterstützung einer terroristischen
Vereinigung". Das ist jener Paragraf, der zu Zeiten des
RAF-Terrorismus in den 70er-Jahren erfunden wurde und dessen Abschaffung
seit langem viele Politiker, Bürgerrechtler und Anwaltsvereine
fordern.
So steht unter dem Aufruf nicht nur Künast, es stehen auch
führende Vertreter folgender Organisationen darunter: Medico
International, Pax Christi, PDS (Gregor Gysi), Liga für
Menschenrechte, Aktion Sühnezeichen, Humanistische Union. Letztere hat
übrigens einen Beirat, in dem auch Liberale sitzen - Burkhard Hirsch
und Sabine Leutheusser-Schnarrenberger.
Tatsächlich gab und gibt es bei den Liberalen seit Jahren eine
Diskussion darüber, die alten Terroristen-Gesetze zu durchforsten.
Leutheusser-Schnarrenberger hat sich als Justizministerin ebenso dafür
eingesetzt wie ihr Nachfolger Edzard Schmidt-Jortzig. Die
Parteiführung hindert das nicht, heute mit schwerem Geschütz zu
schießen: "Der Aufruf ist ein Angriff auf die Gewaltenteilung
und zeugt von mangelndem Rechtsbewusstsein." Ein Schuss ins liberale
Knie.
Der Aufruf findet sich unter
www.freilassung.de
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