www.freilassung.de
Zurück zur Startseite  
RZ / Rote Zora

Aus RADIKAL 147 3/1993

INTERVIEW MIT EINER REVOLUTIONÄREN ZELLE

Auf den folgenden Seiten gibt's ein Interview, das welche von uns mit einer rz gemacht haben. Da die GenossInnen selber schon eine Einleitung gemacht haben, sparen wir uns lange Worte. Wir wollen euch noch mal auf das ID-Buch "Früchte des Zorns" hinweisen, das eine hervorragende Dokumentation der bisherigen rz-Geschichte darstellt. Lohnt sich auf jeden Fall ! Und sonst ? Mit dem Layout wird's leider etwas eng, macht euch auf enge Buchstaben und Bleiwüsten gefasst.

Im letzten Jahr ist von einer revolutionären zelle ein Papier veröffentlicht worden, in dem sie das Ende ihrer Politik erklären und begründen. Seither gab es eine umfassende Diskussion zu den Positionen der revolutionären zellen und ihrer Aktionen wie schon lange nicht mehr.

Wir, eine revolutionäre Zelle, die sich an der Flüchtlingskampagne beteiligt hat, möchten uns zu der Kritik äußern und unsere Positionen darlegen. Einige Genossinnen und Genossen von der radikal haben Fragen aufgeschrieben, auf die wir nun schriftlich und öffentlich antworten wollen.
Unser Interesse ist, daß an den Fragen und Antworten weiterdiskutiert wird, weil wir die breite Auseinandersetzung zur Flüchtlingskampagne und zur Politik der revolutionären zellen besonders jetzt dringend für nötig halten. Wir können und wollen nicht losgelöst von Menschen und Gruppen, die radikalen Widerstand entwickeln, unsere bisherige militante Politik fortsetzen.

Die Diskussionsergebnisse werden einen Einfluß auf unsere weitere Politik haben.

Unsere Diskussion bezieht sich hauptsächlich auf die Positionen im Papier "Das Ende unserer Politik". Die Diskussionen um das Papier "Gerd Albartus ist tot" finden wir genauso wichtig, obwohl wir jetzt nicht darauf eingehen.

Lest und diskutiert den Text, spart nicht mit Kritik und schreibt was dazu. Gebt die Sachen rum, veröffentlicht sie auch in euren Medien.

Wer sich mit der Geschichte der revolutionären zellen und der roten zora bis heute auseinandersetzen will, kann jetzt eine aktuelle Zusammenfassung von ihren Texten unter dem Titel "Früchte des Zorns" über den id-verlag beziehen.

radikal: Ihr gehört nicht zum Traditionsverein der revolutionären zellen. Wie seid ihr dazu gekommen, euch revolutionäre zellen zu nennen. Um euch mit der Flüchtlingskampagne des Traditionsvereins in einen politischen Zusammenhang zu stellen und dazu kontinuierlich was zu machen, hättet ihr euch auch einen anderen Namen geben können. Ihr hättet dann rüberbringen können, daß ihr andere seid die sich aber politisch auf die Flüchtlingskampagne beziehen. Warum habt ihr euch anders entschieden?

Eine revolutionäre zelle: Dazu müssen wir etwas weiter ausholen. Wir sind eine Gruppe von Frauen und Männern , die sich zum autonomen bzw. feministischen Spektrum zählt. Schon bevor wir uns als revolutionäre zelle an der Flüchtlingskampagne beteiligten, ging es uns um die Entwicklung von militantem Widerstand. Auf einen thematischen Bereich hatten wir uns nicht festgelegt, aber internationalistische Bezüge versuchten wir immer herzustellen. Unsere Aktionen begriffen wir auch als Beitrag für die Diskussion über militanten Widerstand. Die erhoffte Auseinandersetzung kam aber nicht zustande.

Wir stellten uns folgende Fragen: Wie können wir die Bewegungsorientiertheit und die damit verbundenen Hochs und Tiefs mit einer politischen Kontinuität in Einklang bringen?

Wie ist darin militanten Widerstand perspektivisch zu gewährleisten und weiter zuentwickeln? Die revolutionären zellen standen und stehen mit ihrem Konzept genau für dieses Bemühen, dem militanten Widerstand eine Kontinuität zu verleihen. Sie hatten den militanten Kampf nie als ausschließlichen Schwerpunkt bestimmt. Ihr erklärter Anspruch war es immer , Teil der Bewegung zu sein, deren Stand und Diskussionen mitzubekommen und ihre Stärken und Schwächen zu kennen. Dieses Selbstverständnis hat für uns auch heute noch seine Gültigkeit.

Das von den revolutionären zellen propagierte Konzept der Vermassung" - wir nennen es Verbreiterung daß sich also möglichst viele Gruppen als revolutionären zellen eigenständig organisieren sollen, finden wir nach wie vor richtig. Jede Gruppe muß sich selbst die Voraussetzungen für ihren militanten Kampf schaffen und sich in Diskussionen die eigenen Inhalte erarbeiten. Dazu stehen wir, auch wenn wir Kritik daran haben, wie dieses Konzept teilweise aufgegriffen und umgesetzt wurde.

Spätestens mit der Flüchtlingskampagne '86 war nicht mehr klar, ob das Prinzip der revolutionären zellen noch seine Gültigkeit hat. Die "Vermassung" wurde nicht mehr propagiert. Zum .ersten Mal wurde mit der Flüchtlingskampagne ein thematischer Schwerpunkt gesetzt , ohne daß es eine Bewegung im linksradikalen Spektrum dazu gab. Dies und die Tatsache, daß die Flüchtlingskampagne von einem geschlossenen Kreis von revolutionären zellen getragen wurde, warf für uns die Frage auf, ob es überhaupt möglich ist, sich als neue revolutionäre zelle an der Flüchtlingskampagne zu beteiligen. Aus verschiedenen Überlegungen haben wir uns dann dafür entschieden.

Für uns als gemischt Gruppe war es von Bedeutung daß wir uns auf die Geschichte der beiden militanten Zusammenhänge revolutionäre zellen und rote zora beziehen konnten. Uns ist klar, daß sich der Widerspruch, aus einem gemischten Zusammmenhang heraus gegen patriarchale Strukturen zu kämpfen, nicht auflösen läßt. Nur durch ständige Auseinandersetzungen läßt sich auch in einer militanten Gruppe eine Basis Zur Zusammenarbeit erhalten bzw. weiterentwickeln. Das heißt nicht, daß an ihr um jeden Preis festgehalten werden muß. Organisierung von Frauen entwickelt sich unabhängig von Männern und gemischten Zusammenhängen und zum Teil aus Konfrontation und Abgrenzung heraus. Zwischen den Männern und Frauen der revolutionären zellen sind solche Prozesse gelaufen und Frauen haben die ihnen notwendig erscheinenden Konsequenzen gezogen.

Wir stehen hinter dieser Geschichte als Teil der Geschichte der revolutionären Kampfes in der BRD, weil er nicht nur unsere Köpfe, sondern auch unsere Herzen erreichte. Wir wollen uns auf andere militanten Gruppen beziehen und eine gemeinsame Auseinandersetzung beginnen. Dies schien uns mit den revolutionären. zellen aufgrund ihrer langen Widerstandsgeschichte eher möglich zu sein als mit anderen militanten Gruppen, deren Kontinuität wir nicht einschätzen konnten. Die Entscheidung als revolutionäre zelle zu kämpfen, war gleichzeitig die Entscheidung unseren Teil an Kontinuität und Verbindlichkeit zur Weiterentwicklung revolutionären Widerstandes beizutragen. Wir wollten unsere Vorstellungen und Fragen vermitteln, um die Flüchtlingskampagne weiter voranzubringen .

Wir hatten vor, unsere Überlegungen zu diesem Schritt vor unserer praktischen Intervention öffentlich zu machen und eine Diskussion zu beginnen. Diesen Ansprüchen sind wir aber aus verschiedenen Gründen nicht gerecht geworden und wir sehen es als Fehler an, daß wir diese Vermittlung nicht vor der Aktion hingekriegt haben. Denn unser Ziel war es auch, den Mythos um die revolutionären zellen abzubauen. Unser Vorgehen hat diesen Mythos nur reproduziert.

radi: Was verbindet ihr mit dem ursprünglichen Ansatz der revolutionären zellen ? Verfolgt ihr weiterhin ein Konzept der sogenannten "Vermassung" ("Schafft eins, zwei, viele..."), wie es die revolutionären zellen früher propagierten?

rz: Wir verbinden mit dem ursprünglichen Ansatz der revolutionären zellen nach wie vor ein brauchbares Konzept für uns, um revolutionäre Politik weiterentwicklen zu können. Die Qualität zeigt sich in der autonomen Organisierung, die den politischen und strukturellen Ungleichzeitigkeiten Rechnung trägt und trotzdem die Möglichkeit beinhaltet, sich gemeinsam zu organisieren, um ein politischer Faktor zu werden. Hinter dem Konzept steckt die Einsicht, daß im Widerstand die praktischen Handlungsmöglichkeiten nicht eingeschränkt sein dürfen. Das Konzept transportiert die Erfahrung, daß militante Politik aus dem Alltag heraus und aus legalen Zusammenhängen entwickelt werden kann.

Wir sehen in dem Konzept immer noch die Möglichkeit einer Verbreiterung nach der Parole "Schafft eins, zwei, viele...". Aber nicht gedacht als ein Aktionsmodell, das die Mittel loslöst aus der politisch-inhaltlichen Diskussion. Etwa nach dem Schema: Aktion, Vermittlung, Verankerung, Vermassung. Das ist zu linear und statisch angelegt. Vermittlung, Verankerung und politische Weiterentwicklung müssen in einen Prozeß wechselseitiger Diskussionen eingebettet sein. Unter politischer Vermittlung, verstehen wir mehr als Aktionserklärungen.

radi: Begreift ihr euch eher als Avantgarde Oder als Bestandteil einer Bewegung, in der ihr nur eine andere Praxis habt?

rz: Die Beantwortung der Frage hängt im Wesentlichen davon ab, wie der Begriff" Avantgarde" bestimmt und in welchem politischen Kontext er benutzt wird. Er hat seinen Sinn in der ML-Politik. Für unsere Strukturen ist der Begriff unbrauchbar, weil wir ein anderes Politikverständnis haben (sollten), woraus sich eine andere Organisierung ergibt.

Die Probleme und Widersprüche innerhalb unserer Strukturen lassen sich mit diesem Begriff weder fassen noch lösen. Trotzdem wird der Begriff oft benützt, um Konflikte und Widersprüche klar zu kriegen (z.B. informelle Hierarchien, männliches Politikverständnis, Unverbindlichkeiten, usw.). Auch die Gegenüberstellung " Avantgarde oder Bestandteil einer Bewegung" trifft die Problematik nicht.

Wenn z.B. eine Gruppe eine Initiative ergreift und damit politische Vorgaben macht, wird die Vermittlungsarbeit entscheidend. Gelingt sie nicht oder wird sie unterlassen, isoliert sich die Initiative. Die Distanz wird dann oft mit dem Vorwurf der Avantgarde erklärt. Häufig wird das Spannungsverhältnis zwischen militanter und nicht militanter Praxis zum Problem, weil eine hierarchische Bewertung der Mittel vorgenommen wird.

radi: Der Traditionsverein hat dieses Konzept (also der Vermassung) irgendwann über Bord geworfen, ohne noch was dazu zu sagen. Wie stellt ihr euch die Zusammenarbeit zwischen der Politik der revolutionären zellen und dem sogenannten legalen Bereich vor?

rz: In den letzten Jahren hat keine Zusammenarbeit mit den legalen Bereichen stattgefunden. Das liegt unseres Ermessens daran, daß der Austauschprozeß aufgegeben bzw. nicht entwickelt worden ist. Dieses Unvermögen, als revolutionäre zelle kontinuierlich im politischen Prozeß präsent zu sein, fällt uns jetzt ALLEN auf die Füße. Die Praxis der revolutionären zellen wird nur noch als randständig wahrgenommen und ihr Beitrag zur revolutionären Politik erscheint als relativ gering. es sind unseres Ermessens nicht die welthistorischen Veränderungen, die für die Schwäche der revolutionären zellen verantwortlich sind, sondern die eigenen Unterlassungen, Fehler und Ungenauigkeiten, aber auch die fehlende Bezugnahme der Bewegung.

Wie steIlen wir uns also eine Zusammenarbeit vor, und welche Probleme und Widersprüche müssen dabei berücksichtigt werden?

Ein Problem bei der Verankerung der Politik der revolutionären zellen besteht in den Ungleichzeitigkeiten der linken Kämpfe sowohl inhaltlich als auch in der Wahl der Mittel. Daraus ergeben sich Probleme des Austausches und der Vermittlung. Dabei geht es nicht, einfach nur festzustellen, daß eine politische Orientierung nicht aufgegriffen wurde, wie das '89 in der Erklärung zu Münster/Düsseldorf gemacht wurde. Damals kam noch verschärfend hinzu, daß die Linke den Schwerpunkt auf die Zusammenlegungskampagne und die Unterstützüng des Hungerstreiks der politischen Gefangenen gelegt hatte und daneben die Solidaritätsbewegung zum Prozeß von Ingrid Strobl lief. Da einfach mit der Flüchtlingskampagne weiterzumachen, und der Tatsache der Ungleichzeitigkeit nur durch einen Seitenhieb ("die Repression wird aber nicht im Protest gegen die Repression selbst gebrochen, sondern durch die Verankerung sozial revolutionärer Politik") Rechnung zu tragen, war falsch und bringt nichts. Das Wechselverhältnis zwischen militanten Gruppen und der Bewegung entsteht also nicht automatisch und ist durch die Herausgabe von Aktionserklärungen allein noch nicht gewährleistet. Militante .Aktionen können also nicht monolithisch in die politische Landschaft gestellt werden, und es kann nicht der politischen Dynamik überlassen bleiben, was daraus wird.

Um den Austauschprozeß wieder zu entwickeln bzw. zu erweitern, sehen wir folgende Notwendigkeiten:

-Die Bewegung muß sich zu der begonnenen Selbstkritik der revolutionären zellen und zu ihrem Verhältnis zu den revolutionären zellen öffentlich verhalten und in die Diskussion eingreifen.

-Die militanten Gruppen müssen die Auseinandersetzung um ihr Verhältnis zur Bewegung öffentlich machen.

Dazu wäre ein gemeinsames Diskussionsforum, wie beispielsweise die radikal sicherlich hilfreich.

Die revolutionären zellen sollten insgesamt mehr Präsenz zeigen, also auch zu aktuellen Debatten und Ereignissen Stellung beziehen und in die Diskussion eingreifen. Die revolutionären zellen müßten sich überlegen, ob sie nicht ihr eigenes Medium (revolutionärer Zorn) wieder reaktivieren.

Der Austausch sollte sich auf Immigrantinnen und Immigranten und Flüchtlingsfrauen und -männer erweitern, damit auch da Diskussionen geführt werden können.

radi: Innerhalb des Traditionsvereins gab es offensichtlich sehr wenig konkrete Vorstellungen, wie ihre eigene Strukturen in einen größeren Rahmen eingebunden sein könnte. Die Autoren und Autorinnen von "Das Ende unserer Politik" schrieben:

In der Fixierung auf unsere Kampfmethoden verzichteten wir darauf, eine theoretische politische Orientierung zu entwickeln, die mehr beinhaltete als einzelne Versatzstücke zu bestimmten Konflikten. Unser sozialrevolutionäres Theorieverständnis setzte sich bestenfalls mosaikartig aus der. Summe der Kommentare und Analysen zu den einzelnen Widerstandsfeldern zusammen, eine feste Anbindung war so nicht möglich."

Sie stellen fest, daß in der Propagierung ihrer eigenen Kampfmittel als "Mittel für alle" eher ein AktionsmodelI als eine politische Theorie steckte. Es gab Zeiten, in denen das Mittel relativ massenhaft aufgegriffen wurde (z.B. in der Startbahn- und Anti-AKW / WAA-Bewegung. Im Nachhinein hat das aber eher den Geschmack einer kleinen Rebellion, eine längerfristige Organisierung entwickelte sich daran nicht. Welche Bedeutung hat dieses Mittel für euch? Habt ihr Vorstellungen, wie sich eure Praxis in eine Organisationsdebatte einbinden läßt?

rz: Die Einschätzung, daß es bisher nicht gelungen ist, das Konzept der revolutionären zellen inhaltlich organisatorisch weiterzuentwickeln, stimmt natürlich. Aber ein überzeugendes inhaltliches Konzept allein hatte diese Weiterentwicklung nicht unbedingt gewährleistet, denn auch das kann aufgesetzt sein.

Dasselbe gilt für die praktische Seite. Über die Praxis allein kann keine dauerhafte Entwicklung stattfinden. Es kommt also wesentlich auf den Prozeß innerhalb der Bewegung an, der es ermöglicht, ein Konzept weiterzuentwickeln, da dies ja nie statisch gedacht, bzw. angewendet werden kann. Eine militante Gruppe muß, genauso wie andere Gruppen, so flexibel sein, daß sie auf gesellschaftliche Veränderungen oder Entwicklung in der Linken reagieren kann und diese in das weitere Vorgehen einbeziehen. Das heißt aus, daß eine Fixierung auf ein Kampfmittel falsch ist öder zum Ritual verkommt, weil sich nichts mehr daran dynamisiert oder weiterentwickelt

Von einer Gruppe oder einem einzelnen Zusammenhang ist dieser Prozeß nicht zu gewährleisten. Die Organisationsstruktur der Bewegung zeigt da auch ganz deutlich ihre Mängel. Kein Zusammenhang kann sich selbstverständlich darauf verlassen, daß andere Gruppe inhaltliche oder praktische Vorschläge aufgreifen, sich an der Vermittlung beteiligen, bzw. sie in ihre Arbeit einbeziehen. Diese Bedingung muß bei allen Aktionen einbezogen werden, denn eine Arbeitsteilung in gegenseitiger Verantwortung ist kein diskutierter Konsens in der Bewegung! Jede Gruppe ist also mit der Notwendigkeit konfrontiert, die ganze Arbeit selbst zu übernehmen, was eine sehr hohe Anforderung bedeutet und sehr schnell zur Überforderung führen kann. Das heißt aber auch daß begonnene Kampagnen reflektiert und zur Diskussion gestellt werden müssen, wenn die Einschätzung besteht, daß sich nichts daran entwickelt.

Von den revolutionären zellen gab es ja durchaus auch Diskussionsangebote, die viel zu wenig aufgegriffen und diskutiert wurden (Diskussion zum Mord an Karry, Knieschüsse /Korbmacher, lovesong). Was die Flüchtlingskampagne betrifft, hätte viel früher eine Diskussion beginnen müssen, Eine Organisationsdebatte ist also notwendig und muß inhaltlich geführt werden und nicht primär über die Mittel, wenn eine breitere Basis entstehen soll.

Es gab Phasen, in denen die militanten Mittel massenhaft aufgegriffen wurden, was unseres Ermessens daran lag, daß vom Stand der politischen Konfrontation her und aus den konkreten Erfahrungen heraus mehr politischer Sinn darin gesehen wurde, die Mittel anzuwenden. Daß es daran keine langfristige Organisierung gab, lag unserer Einschätzung nach daran, daß die jeweilige Bewegung politisch gescheitert ist, also keine Verständigung über die politischen Inhalte und Perspektiven entwickelt werden konnte. Das Weiterführen der militanten Aktionen kann das politische Scheitern nicht retten.

radi: Durch die öffentlichen Diskussionen, die im letzten Jahr zwischen den revolutionären zellen liefen, wird offensichtlich, daß ihre Organisierung an der Praxis orientiert war, d.h. das Verbindende, das Gemeinsame war ihre gleichförmige Praxis. Zweifellos ist eine Vernetzung an praktischen Punkten notwendig, trotzdem läuft sie Gefahr, in sich zusammenzubrechen, wenn es keine gemeinsam diskutierte inhaltliche Bestimmung dieser Struktur gibt. Wie seht Ihr diesen Widerspruch zwischen praktischer Organisierung und inhaltlicher Übereinstimmung?

rz: Ganz so wie ihr sehen wir es nicht. Zumindest in der Flüchtlingskampagne muß es zwischen den beteiligten Gruppen eine inhaltliche Übereinstimmung gegeben haben.

Es fällt uns schwer, auf diese Frage eine auch für uns befriedigende Antwort zu finden. Wir haben bisher keinen Anteil an den internen Diskussionen.

Allgemeine Kritikpunkte lassen sich formulieren, z.B. am " Aktionsmodell". Aber die bisherige öffentliche Auseinandersetzung bietet noch zu wenig Basis, um eine abschließende Bewertung machen zu können. Die dafür nötige Transparenz müssen die beteiligten Gruppen leisten. UnterschiedIiche Einschätzungen über das, was war und wie es gelaufen ist, wurden ansatzweise in den bisher veröffentlichen Papieren deutlich ("Das Ende unserer Politik", "Wenn die Nacht am tiefsten... ...ist der Tag am nächsten" , "wir müssen so radikal .sein wie die Wirklichkeit").

Für uns bleibt es unklar, wo es sich um grundliegende Unterschiede oder um nachträgliches Zurechtrücken von Positionen handelt. Mitte der 80er haben grundsätzliche Diskussionen stattgefunden. Die inhaltlichen Differenzen haben auch zu Konsequenzen geführt (Ausstieg der revolutionäre zelle, die das Papier "Wenn die Nacht am tiefsten..." geschrieben hat). Diese ganzen Prozesse werden erst jetzt im Nachhinein bruchstückhaft sichtbar. Das erschwert die Diskussion. Der Alleingang der revolutionären zelle, die "Das Ende unserer Politik" geschrieben hat, drückt vielleicht tatsächlich einen ziemlich festgefahrenen Stand der internen Auseinandersetzungen aus. Genauso schwierig ist die Einschätzung der Situation der roten zora und ihres Verhältnisses zum Männer- bzw. gemischten Zusammenhang. Wir finden es wichtig, daß sich die rote zora dazu äußert.

Von außen betrachtet scheint uns z.B. der im Papier "Das Ende unserer Politik" sichtbare Widerspruch zwischen ntirassistischem und antipatriarchalem Schwerpunkt nicht unüberbrückbar. Natürlich immer unter der Voraussetzung, daß wir nicht umhin kommen, nach politischen Wegen zu suchen, Wie gemeinsames und sich trennendes auch in der Praxis seinen Ausdruck finden kann.

Doch ohne Berücksichtigung der realen Konflikte, die an den inhaltlichen Auseinandersetzungen zwischen den Gruppen gelaufen sind, nützen solche Aussagen wenig.

radi: Ihr habt die Flüchtlingskampagne des Traditionsvereins aufgegriffen. In wieweit habt ihr euch da auf "existierende" Gemeinsamkeiten mit dem Traditionsverein bezogen, wo seht ihr die oben genannten politischen Eckpfeiler, wo sind eure Differenzen?

rz: Unsere Positionen haben sich seit unserer Entscheidung, uns in die lüchtlingskampagne einzuklinken, weiterentwickelt. Was wir hier sagen, drückt unseren jetzigen iskussionsstand aus.

Die Flüchtlingskampagne hat uns deutlich gemacht, daß sich antiimperialistische Politik und Solidarität auch auf Flüchtlingsfrauen und -männer hier beziehen kann und muß. Wir teilen die Einschätzung der revolutionären zelle von '86: "Was momentan vor sich geht, ist eine gigantische Umschichtung der Weltbevölkerung, deren Ausmaß die Migrationsbewegungen des 19. Jahrhundertes in den Schatten stellt und deren metropolitane Gestalt bisher nur die Spitze des Eisbergs darstellt."

Es wirft ein schlechtes Licht auf die Linke, wie wenig bis dahin Flucht- und Migrationsbewegungen als Folge imperialistischer Ausbeutungs- und Zerstörungspolitik im Bewußtsein waren, uns wie wenig sie sich mit der Situation und den Lebensbedingungen der, Flüchtlingsfrauen und -männer, der Imigrantinnen und Immigranten hier auseinandersetzte.

In der Flüchtlingskampagne sehen wir eine gute Möglichkeit, die verschiedenen gesellschaftlichen Widerspruchslinien zu thematisieren, d.h. die patriarchalen, rassistischen und kapitalistisch-imperialistischen Ausbeutungs- und Unterdrückungsverhältnisse deutlich zu machen. Potentiell lassen sich mit der Flüchtlingskampagne auch Bezüge zu anderen thematischen Bereichen und Kämpfen wie z.B.. gegen Bevölkerungspolitik und Sextourismus, zu Häuserkampf und Stadtteilarbeit; Antifa und gegen EG'92 herstellen.

Schon zum Zeitpunkt unserer Entscheidung war uns der sozialrevolutionäre Ansatz, den die revolutionären zellen mit der Flüchtlingskampagne verbanden, unklar und zu wenig präzisiert. Die Analyse und Definition des revolutionären Subjekts, zu denen "ausgesteuerte Proleten, arbeitslose Jugendliche und Marginalisierte" gezählt werden ist geschlechtsneutral gehalten und doch männlich besetzt. Frauen kommen, wenn überhaupt, nur am Rande vor. .

Dahinter versteckt sich unausgesprochen die Hoffnung, daß sich ein nur nach sozialen und ökonomischen Kriterien bestimmbarer Teil der Bevölkerung als revolutionäres Subjekt erweisen soll. Wir. Finden diesen Ansatz falsch, weil die Revolten und Riots dieser sogenannten Unterklasse verklärt und überbewertet werden. Wir haben es aufgegeben, das revolutionäre Subjekt ausfindig zu machen und wir sehen es auch nicht in den Flüchtlingsfrauen und -männern.

Die Entscheidung für die Flüchtlingskampagne war für uns mit dem Anspruch verbunden, nach Bezugspunkten zu öffentlichen Gruppen, die in diesem. Bereich arbeiten, zu suchen.

Wir finden es wichtig, daß politisch auf allen Ebenen gegen die imperialistische Flüchtlingspolitik gearbeitet wird. und auch eine Zusammenarbeit mit Flüchtlingsfrauen und -männern, Immigrantinnen und Immigranten entwickelt wird.

Ein weiterer Unterschied besteht darin daß wir uns bewußt auf die

Erfahrungen beziehen, die in der Unterstützungsarbeit und Antirassismusarbeit gemacht wurden. Sie haben wesentlich unsere Diskussionen und Vorstellungen beeinflußt. Die Zusammenarbeit mit Flüchtlingsfrauen und -männern, Immigrantinnen und Immigranten und die Erfahrungen mit ihren eigenständigen Kämpfen zwangen die Linke (die in diesem Bereich tätig war und ist) zur Auseinandersetzung mit ihren eigenen rassistischen Strukturen und zur Überprüfung ihres Verständnisses von antirassistischer Arbeit. Zunächst mußte wir uns überhaupt erst mal mit Rassismus als einem Grundpfeiler zur Durchsetzung von Herrschafts- und Ausbeutungsverhältnissen und seinen jeweiligen Erscheinungsformen auseinandersetzen. Eine Abschaffung eigener rassistischer Strukturen läuft nicht per Willenserklärung, sondern gestaltet sich viel anstrengender und schwieriger als rsprünglich gedacht.

radi: Wie lässt sich der Anspruch einer, Verbreiterung der sozialen Basis mit dem Engagement bei der Flüchtlingskampagne vereinbaren? Die Auseinandersetzung mit dieser Thematik setzt doch ein hohes Bewußtsein voraus, wird also nur bei einem engen Kreis auf Interesse stoßen. Eine sozialrevolutionäre Ausrichtung würde doch sicher z.B. im Stadtteil, Wohnungskampf, Arbeit eher aufgegriffen werden?

rz: Natürlich haben wir den Anspruch ein Basis für unsere Politik zu finden, die sich mögIichst noch verbreitert. Für uns steIlt sich jedoch die Frage: Welche Inhalte werden in den jeweiligen Kämpfen mitgetragen ? So wenig wie sich Männer selbstkritisch zu antipatriarchaIen Inhalten bekennen und diese in ihrem Verhalten umsetzen werden, genauso wenig werden Weiße einfach bereit sein, rassistische Unterdrückungsverhältnisse konsequent anzugreifen, von denen wir auch mitprofitieren. Dieser Ansatz setzt ein Bewußtsein und eine Bereitschaft zur Auseinandersetzung mit der eigenen Eingebundenheit in dieses System voraus. Das ist leider nicht die Regel. Aber gerade deshalb sind die Versuche der Thematisierung dieser Unterdrückungsformen notwendig.

Unter bestimmten Bedingungen gibt es eine größere Chance, daß sich in der Stadtteilarbeit, im Wohnungskampf und bei der Lohnarbeit eher Kämpfe entwickeln und sich verbreitern, weil sich die Betroffenen perspektivisch eine Verbesserung ihrer Lage erhoffen. Doch müssen solche Kämpfe nicht durchweg emanzipatorischen Charakter haben. Z.b. kann der Kampf für die Erhaltung des eigenen Arbeitsplatzes mit rassistischem Verhalten und rassistischer Ausgrenzung verbunden sein. Der rassistische Konsens der Gesellschaft macht deutlich, daß antirassistische Arbeit in allen gesellschaftlichen Bereichen notwendig ist.

radi: Bis auf einige analytische Einsprengsel in den Erklärungen (Lufthansa Köln 10/86, Münster und Düsseldorf 5/89 und Ausländerbehörde in Böblingen 8/91) hatte die Flüchtllngskampagne keinen antipatriarchalen Anspruch und dementsprechend keine Formen der praktischen Umsetzung entwickelt. Das einzige Papier zum. Thema "Was ist das Patriarchat?" tauchte unvermittelt, ohne Bezug zur Flüchtlingskampagne auf und ging in der Folge auch wieder ohne Reaktionen oder Diskussionen unter den revolutionären zellen unter. Innerhalb der revolutionären zellen hat sich weder ein theoretischer noch praktischer Ansatz daraus entwickelt, es wurde sich nicht mal darauf bezogen und das Thema aufgegriffen. Die Autorinnen und Autoren des Papiers "Das Ende unserer Politik" bezeichnen ihren Entwicklungsstand zum. Thema als nicht politikfähig. Wie seht ihr das? Diskutiert ihr über Möglichkeiten, wie Männer- oder gemischte Gruppen. praktische Ansätze oder Aktionen gegen patriarchale und sexistische Strukturen entwickeln können? Wenn nein, warum nicht?

rz: Die in den 3 genannten Erklärungen gemachten Aussagen zum. Patriarchat sind nicht sehr umfassend. Wir denken, sie drücken das gemeinsame Niveau der jeweiligen Gruppe in Bezug auf die antipatriarchale Diskussion aus. Für Frauen sind sie sicher nicht Ausdruck des Stands ihrer eigenen Diskussionen, wohl mehr für den der Männer in den Gruppen.

In unserer Gruppe ist es so, daß wir Frauen keine Positionen mittragen, die die Männer sich nicht selbst erarbeitet haben. Das bedeutet einen permanenten politischen Widerspruch für uns Frauen in der Gruppe. Für uns Männer bedeutet das den Anspruch, eine eigenständige Patriarchatsdiskussion weiterzuentwickeln, um für die weitere Praxis eine bessere Grundlage in der Gruppe zu gewährleisten. Wir Frauen verstehen unter besserer Grundlage nicht nur die Auseinandersetzung mit feministischen Theorien und die Erarbeitung antipatriarchaler Ansätze, sondern wir erwarten vor allem auch, daß sich dies im Verhalten gegenüber uns unter den Männer niederschlägt .

Real ist von uns Männer diese eigenständige Entwicklung nicht gelaufen, sondern sie läuft nur über Konflikte und Konfrontationen. Dadurch begrenzen wir die Handlungsfähigkeit und Ausdrucksmöglichkeiten der Frauen in der Gruppe. Wenn wir Frauen uns die ganzen Widersprüche und unterschiedlichen Ausgangsbedingungen zwischen uns und den Männern herholen, finden wir nur wenig Gründe, die für einen gemischten Zusammenhang sprechen. Daß er besteht, ergibt sich vor allem auch aus unserer Geschichte und den daraus entstandenen Beziehungen. Die Widersprüchlichkeit und Brüchigkeit, die hinter dieser Entscheidung steht, bedeutet, daß der Zusammenhang auch immer wieder in eine Krise fällt oder in Frage steht.

Dieses Gefälle in der Patriarchatsdiskussion zwischen Männer und Frauen ist unseres Erachtens bis heute in der bundesweiten gemischten linksradikalen Bewegung gegeben und somit die Ausgangsbedingung für gemischte Politik. Der Diskussionstext "Was ist das Patriarchat?" ist für uns Männer ein Beispiel dieses Gefälles. Er brachte die Diskussion unter Männer nicht viel weiter, weil typischerweise die eigene männliche Rolle rausgelassen wurde. Die Distanz drückte sich für uns unter anderem in der Sprache aus. Ein Gruppendiskussionsprozeß wurde nicht sichtbar.

Eine Diskussion um diese Problematik hat uns ganz aktuell wieder einmal in heftige Widersprüche und Konflikte gestürzt. Nicht nur theoretische Unklarheiten, sondern vor allem unser Verhalten als Männer gegenüber Frauen und unter uns Männern hat uns die Kluft zwischen Anspruch und mangelnder Umsetzung vor Augen geführt. Für diese Auseinandersetzung müssen wir uns die nötige Zeit nehmen. Doch genau diese eigenständige Auseinandersetzung unter den Männern muß für uns Frauen sichtbar werden, damit die Grundlage für eine weitere gemischte Politik möglich bleibt.

Um es noch einmal zusammenzufassen: Was die Möglichkeit der praktischen Ansätze und Aktionen explizit gegen sexistische Strukturen betrifft, überwiegen bei uns die Unsicherheiten und Vorbehalte. Auf der theoretisch-analytischen Ebene haben wir einen Konsens gefunden, der sich trotz der Konflikte als tragfähig erweist, was aber nicht damit gleichgesetzt werden kann, daß er für uns .Frauen immer befriedigend ist. Die Objekte, Strukturen, Täter, die aus feministischen Zusammenhängen heraus angegriffen werden, können wir uns als gemischte Gruppe vom jetzigen Stand aus nicht als Angriffsziele vorstellen. Als gemischte Gruppe halten wir es für richtig an allen Angriffszielen die sexistischen Strukturen herauszuarbeiten, auch da gibt es noch viel zu tun und das schafft vielleicht die Basis, daß sich auf der praktischen Ebene perspektivisch mehr Möglichkeiten ergeben.

Die Konflikte, die auch in den gemischten militanten Zusammenhängen zwischen den Männern und den Frauen aufbrechen, müssen öffentlich diskutiert werden, um eine inhaltliche und praktische Weiterentwicklung zu ermöglichen.

radi: Die praktischen Angriffsziele von revolutionären zellen Innerhalb der Flüchtlingskampagne waren fast ausschließlich die Institutionen u.a. ausführender Organe des staatlichen Rassismus gegen Flüchtlingsfrauen und -männer, Immigrantinnen und Immigranten. Die theoretische Grundlage der Flüchtlingskampagne ist weiter gefaßt. Da wird der Zusammenhang zwischen imperialistischer Vernutzung, Ausbeutung ganzer Kontinente, Zerstörung von Subsistenzwirtschaft und damit der Lebensgrundlage von Millionen von Menschen usw. als Ursache der weltweiten Flüchtlingsströme benannt Dieser Zusammenhang wurde in den Angriffszielen selbst nicht sichtbar. Es hätten doch im Rahmen der Flüchtlingskampagne ja auch einzelne Aktionen laufen Können, worin sich auch diese imperialistischen Grundlagen der staatlichen Flüchtlingspolitik verdeutlichen wie z.B. durch die Aktionen der roten zora gegen Adler, in deren Bestimmung mehrere Bezugslinien zusammenlaufen: 1. Ein Metropolenunternehmen läßt in einem Trikontland produzieren. 2. Ausbeutung von Frauenarbeit. 3. Eingriff in einen aktuellen Arbeitskampf.

Sind da Diskussionen gelaufen, das nicht zu tun, z.B. weil's vielleicht kräftemäßig nicht machbar war? Gab's politische Argumente dafür sich ausschließlich auf Objekte und Personen des staatlichen Rassismus zu konzentrieren?

rz: Diese Frage können wir nur von uns aus beantworten, da wir nicht an der internen Diskussion in den revolutionären zellen beteiligt waren und sind. So wie die Flüchtlingskampagne inhaltlich begonnen hat und weiterentwickelt wurde, schien es uns einleuchtend, sich vorläufig auf den staatlichen Rassismus als Angriffsziel zu konzentrieren. Es wurde deutlich, welche Funktion die herrschende FlüchtIingspolitik hat, und wie sie auf den verschiedenen Ebenen durchgesetzt wird vom Sozialamt, über die Ausländerbehörden bis zu den Verwaltungsgerichten. Neben der strukturellen Funktionsweise ist durch die Kampagne die Auseinandersetzung um die verantwortlichen, also die Schreibtischtäter und Schreibtischtäterinnen und deren Rassismus ins Licht gerückt worden.

Perspektivisch können wir uns aber trotzdem vorstellen, daß eine praktische Erweiterung der Kampagne möglich ist, weil dies auch theoretisch angelegt ist. Sie bietet die Möglichkeit, alle Ausbeutungsverhältnisse und Ausgrenzungsstrukturen praktisch anzugehen, sowohl in ihrer Unterschiedlichkeit als auch in ihrem Zusammenwirken.

Eine praktische Umsetzung sollte aber nur auf einer inhaltlich erarbeiteten Grundlage geschehen (siehe dazu die Patriarchatsdiskussion in der vorherigen rage). Natürlich könnten innerhalb der Flüchtlingskampagne Angriffe gegen Frauenhändler stattfinden, die ihr Geld über den Sklavinnenhandel mit Flüchtlingsfrauen und Immigrantinnen machen. Genauso Angriffe auf Firmen und Kapitalisten, die Kapital daraus schlagen, daß sich Flüchtlingsfrauen und -männer, Immigrantinnen und Immigranten zu Billigstlöhnen hier in den Metropolen verkaufen müssen. Ebenso Angriffe auf Faschisten und ihre Propandastrukturen, aber auch Angriffe auf die bürgerlichen Medien, die sich an der rassistischen und sexistischen Hetze gegen Flüchtlingsfrauen und -männer, Immigrantinnen und Immigranten beteiligen. Daß solche Aktionen innerhalb der Flüchtlingskampagne bisher nicht gelaufen sind, drückt der Stand der inhaltlichen Auseinandersetzung oder der Widersprüche aus.

In Bezug auf die Adler-Aktion haben wir eine andere Sichtweise. Die Adler-Aktion wurde aus Frauenzusammenhängen heraus entwickelt und umgesetzt. Ein Vergleich mit Aktionen aus gemischten Zusammenhängen ist daher aus oben erwähnten Gründen nicht so ohne weiteres möglich. Daß sich die Aktion so gut vermittelt hat, hängt unserer Meinung nach an der Kombination von Öffentlichkeitsarbeit, angewandtem Mittel, großem Schaden und der Tatsache, daß letztlich die Forderungen der koreanischen Arbeiterinnen erfüllt wurden. Die Meinung, daß sich an der Adler-Aktion mehr Bezugslinien praktisch umgesetzt hätten als an einer Aktion innerhalb der Flüchtlingskampagne, teilen wir nicht.

An einer Aktion innerhalb der Flüchtlingskampagne können kapitalistische, rassistische und sexistische Ausbeutungsinteressen gleichermaßen deutlich werden. So sichern beispielsweise die Abschiebegesetze und die Bestimmungen der "Ausländergesetze" in ihrer Funktion als Selektionsinstrumente unmittelbar die kapitalistische Verwertung der Flüchtlingsfrauen und -männer, Immigrantinnen und Immigranten. Darüber hinaus werden die sexistischen Aspekte der Gesetze deutlich in der Nichtanerkennung eigenständiger Frauenfluchtgründe, was mit dafür verantwortlich ist, daß Frauenmigration auch auf die Ebene von Heiratsmarkt und Zwangsprostitution gezwungen wird. Außerdem wird über die Thematisierung der Fluchtursachen auch das Wüten der Konzerne im Trikont sichtbar.

 

radi: Die Orientierung der Flüchtlingskampagne auf die ausführenden Organe des staatlichen Rassismus läßt den Rassismus "im Volk" völlig außen vor. Dazu ein Zitat aus dem "zorn - extra, 9. Zeitung der revolutionären zelle Okt '86:" Antiimperialistische Politik in der BRD hat sich bisher an den beiden Polen der Solidarität mit den Befreiungsbewegungen der 3. Welt und der Bekämpfung der imperialistischen Kriegsmaschine orientiert. Wir haben nicht die Illusion, daß die Immi grantinnen und Immigranten, Flüchtlingsfrauen und -männer in der BRD mit Teilen der westdeutschen Unterklassen rasch gemeinsame Interessen entwickeln können. Trotzdem muß Antiimperialistische Politik genau da angesiedelt sein, wo sich rassistisch vermittelte Klassenspaltungen tendenziell aufbrechen lassen. "

Die Autorinnen und Autoren gehen in diesem Zitat, sowie im gesamten Text davon aus, daß Rassismus als Herrschaftsinstrument zur Spaltung der Unterklassen, des Proletariats genutzt wird. Heute zeigt das Proletariat und andere Schichten, daß es einen eigenen Ausdruck des Rassismus hat (z.B. Pogrome wie in Hoyerswerda, Mannheim, Rostock...) und auch gewissermaßen eigene Interessen verfolgt ("Ausländer raus!"), die teilweise über das hinausgehen, was staatlicher Rassismus, gutheißt (z.B. Morde in Mölln).

Die Pogrome, die massiven Angriffe und Morde an Flüchtlingsfrauen und -männern, Immigrantinnen und Immigranten beweisen in längst vergessener Weise, daß das Proletariat, genauso wie alle anderen Schichten deutscher Frauen und Männer eine Art Herrenmenschentum verinnerlicht hat, das Haß auf alles "Andere", Nicht-selbstgelebte bedeutet. Dieser Rassismus unterscheidet im Gegensatz zu staatlichem Rassismus nicht, ob ausländische Menschen verwertbar sind oder nicht. Dieses verinnerlichte Herrenmenschentum ist in der Rassismusanalyse bislang wenig berücksichtigt worden. Das weiße Metropolenproletariat ist zumindest für die hiesigen Linken immer noch Hoffnungsträger revolutionärer Umwälzungen, dessen Rassismus als "Manipulation -von oben" verharmlost wird.

Die Flüchtlingskampagne hat sich in erster Linie gegen den staatlich verordneten Rassismus gerichtet. Ihr seid davon ausgegangen, daß der Kampf um das faktische Aufenthaltsrecht der Flüchtlingsfrauen und -männer unter Umständen von den weißen Schichten das Proletariats isoliert bleibt.

"Noch wissen wir nicht, ob sich an der Flüchtlings antiimperialistische Politik mit Konfrontationslinien im entgarantierten Sektor verbinden wird, aber der Kampf um das faktische Aufenthaltsrecht für Flüchtlingsfrauen und -männer ist auch dann richtig, wenn er vorerst von den weißen Schichten des hiesigen Proletariats weitgehend isoliert bleibt."

Wie geht ihr mit der Entwicklung in den letzten 3 Jahren um, wo Rassismus nicht nur von. breiten Teilen der Bevölkerung ignoriert wird, sondern diese Bevölkerung samt dem Proletariat sich als zutiefst rassistisch erweist?

rz: Die bisherigen Mängel der Flüchtlingskampagne werden zum Teil in den öffentlichen Stellungnahmen selbstkritisch reflektiert: "Die Mängel sehen wir u.a. darin, daß wir unseren Kampf nur auf den staatlichen Rassismus bezogen haben, auf die Ausländerämter, die Gerichte, auf die Täter von Ausweisung und Abschiebung. Den Rassismus großer Teile der Bevölkerung haben wir zur Kenntnis genommen." (aus: "Wir müssen so radikal sein wie die Wirklichkeit").Wir schließen uns dieser Selbstkritik an, obwohl wir das schwerpunktmäßige Ansetzen am staatlichen Rassismus zum damaligen Zeitpunkt richtig finden.

85/86 eröffneten die Politiker, und Politikerinnen eine neue Runde in der Hetze gegen die Flüchtlingsfrauen und -männer, die weitere Abschreckungs- Abschottungs- und Selektionsmaßnahmen legitimieren sollte. Z.B. wurde die DDR mit zinslosen Krediten geködert und ließ daraufhin keine Flüchtlingsfrauen und männer mehr ohne Visa nach Westberlin; die Asylrechtssprechung wurde verschärft, indem die Verwaltungsgerichte massenhaft die Anerkennungsbescheide von Flüchtlingsfrauen und -männern kippten. Das Klima in der Bevölkerung wurde angeheizt, z.B. durch Errichtung von Zeltstädten. Die Folgen drückten sich unmittelbar in Anschlägen und Gewalt gegen Flüchtlingsfrauen und männer und ihre Unterkünfte aus.

Diese Dimension des Rassismus uns seine Ursachen in der Bevölkerung sind sehr vernachlässigt worden, nicht nur von den revolutionären zellen, sondern von der gesamten Linken, der autonomen und der feministischen Bewegung. Der Rassismusbegriff war entweder reduziert (Spaltungsmittel der Herrschenden) oder inhaltlich kaum gefüllt.

Inzwischen ist uns bewußt geworden, daß die verinnerlichten rassistischen Denk-, Handlungs- und Gefühlsstrukturen wesentliche Organisationsmerkmale der kapitalistischen Gesellschaftsstruktur sind. die koloniale Geschichte und BRD-speziell die nationalsozialistische Vergangenheit widerspiegeln. Der Prozeß der Verinnerlichung reproduziert sich ständig in Menschen. Daß das fast immer zugunsten der Herrschenden aufgeht, liegt unseres Ermessens daran, daß es sich für jede Person scheinbar auszahlt. Das heißt, daß das eigene Selbstwertgefühl durch Ausgrenzung oder Abwertung anderer erhöht wird, bis hin zur realen Sicherung eigener Privilegien und materieller Interessen. In diesem Prozeß sind die Menschen also nicht nur Opfer oder Verführte der gesellschaftlichen Verhältnisse, sondern auch aktiv Beteiligte.

Die gesellschaftliche Entwicklung der letzten Jahre und die damit einhergehende Schärfe des Aufbrechens von Rassismus war in seiner Gesamtdimension für uns nicht vorhersehbar. Ein wesentlicher Kristallisationspunkt für diese Entwicklung, war die "Wiedervereinigung" und das damit verbundene massenhafte Aufbrechen von Rassismus, Antisemitismus und Nationalismus. Das Bestehen zweier deutscher Staaten war zwar immer der sichtbare Ausdruck der Niederlage des Nationalsozialismus. Mit der "Wiedervereinigung" wurde die Nachkriegsära für beendet erklärt. Deutschland darf wieder aus seinem braunen Schatten treten. Die Zeit der Zurückhaltung und Sühne ist vorbei. Deutschland darf und soll sich wieder als vollständige Nation fühlen. Doch dieses Nationalgefühl läßt sich nach 40 Jahren Zweistaatlichkeit nicht ohne weiteres wiederherstellen. Dafür sind die gesellschaftlichen, sozialen und wirtschaftlichen Unterschiede zu groß. Das Einzige was die Menschen über alle bestehenden Unterschiede und Widersprüche an Gemeinsamkeit an ge boten wird, ist ihr Deutschsein zw. eine angebliche deutsche Identität. Diese macht sich an der deutschen Volkszugehörigkeit fest. Mit ihr verbindet die Vorstellung der Überlegenheit deutscher Kultur, Normen und Werte. Mögen diese Begriffe im Einzelnen noch so verwaschen sein, so wird damit doch die freiwillige Einbindung in die bestehende Herrschaftsstruktur erreicht. Die Konstruktion einer deutschen Identität braucht die gleichzeitige Konstruktion einer als minderwertig eingestuften ethnischen Gruppe und sie gelingt nur in Abgrenzung von fremd konstruierten Menschen. Die Wiedervereinigung hat so mehrere Tabus gebrochen. Das Volk ist wieder stolz, deutsch zu sein, die deutsche Geschichte wird revidiert, antisemitische und rassistische Muster nehmen wieder zu und Pogrome, Vertreibungen, antisemitische Aktionen und rassistische Morde werden von vielen als legitime politische Handlungsweise empfunden und offen befürwortet:

Der Nationalismus großer Teile der Bevölkerung macht es den Herrschenden möglich, jetzt z.B. den uneingeschränkten Einsatz der Bundeswehr durchzusetzen. Somit ist es dem BRD-Imperialismus möglich, neben seiner ökonomischen auch seine militärische Vormachtstellung innerhalb der EG und weltweit zu festigen und auszubauen.

Die radikale Linke ist dieser Entwicklung gegenüber relativ hilflos, weil die Begrenztheit unserer bisherigen politischen Theorie und Prags offen zu Tage tritt. Auch der militante Angriff auf den staatlichen Rassismus ist eben nur ein Teil des Kampfes.

Deshalb ist es wichtig, daß auch im legalen Bereich am Aufbau von Strukturen gearbeitet wird, die nicht nur Schutz und Verteidigung oder Angriffe gegen Rassisten und Faschisten oder deren Strukturen möglich machen, sondern auch die Voraussetzung bieten in die öffentliche Auseinandersetzung einzugreifen. Wir halten es aber auch für falsch wenn in Bezug auf die Bevölkerung ein entweder/oder Denken das politische Handeln bestimmt. Wir müssen versuchen, die Menschen für eine antirassistische Alternative zu gewinnen, auch wenn sie nicht gleich und von a bis z unsere Positionen teilen. Eine antirassistische Perspektive wirklich zu füllen, also nicht nur in den Kampf gegen... ist eine Aufgabe die wir nicht vor uns her schien dürfen.

radi: Neben diesem eben angesprochenen "völkischen Rassismus" stellen wir immer wieder fest, daß auch die "Linke" nicht frei von Rassismen ist. Seht ihr das auch so? Wenn ja: Wie geht ihr mit dieser Selbstkritik um?

rz: In eurer vorherigen Frage bezeichnet ihr die Bevölkerung und das Proletariat , als "zutiefst rassistisch", während ihr jetzt von der Linken sagt, daß sie nicht frei von Rassisten sei. Die Art der Formulierung und Unterscheidung drückt für uns. schon die Ungenauigkeit des Umgangs mit dem eigenen Rassismus aus. Linke sind wir nicht weniger "zutiefst rassistisch" in dem Sinne, daß unsere Wahrnehmung, unser Denken, unsere Gefühle und Verhaltensweisen rassistisch geprägt und verinnerlicht sind. Nur drückt sich das oft subtiler aus. Bei der Auseinandersetzung über die weißen Flecken antirassistischer Politik steht die Linke noch an ihrem Anfang. In der Flüchtlingskampagne wurde dieser Punkt fast garnicht thematisiert. Der Rassismusvorwurf an uns Linke und Feministinnen hat seine Berechtigung. Dies muß zur Bereitschaft führen die eigenen theoretischen Ansätze auf eurozentristische Sichtweisen hin zu überprüfen. Wir könne nicht von einer gemeinsamen Front von Kreuzberg bis Los Angeles oder Rio reden. Was wir für uns hier in den Metropolen als Erklärung der Verhältnisse anzubieten haben und was wir daraus an Politik ableiten, kann nicht einfach auf die Verhältnisse anderer Gesellschaften vor allem im Trikont übertragen und den Menschen dort übergestülpt werden. Schnell formulierte Gemeinsamkeiten werden der Komplexität der Herrschaftsverhältnisse nicht gerecht. Das gilt für die Zusammenarbeit mit Flüchtlingsfrauen und -männern, Immigrantinnen und Immigranten. Im politischen Alltag und in der Zusammenarbeit mit Flüchtlingsfrauen und -männern, Immigrantinnen und Immigranten besteht die Notwendigkeit, das eigene Verhalten auf seinen Rassismus hin zu überprüfen. Über die Bereitschaft zur Reflexion des eigenen Rassismus können wir zwar unsere Wahrnehmung sensibilisieren, aber gegen die Gefahr weiterhin rassistische Verhaltensweisen - oft in sehr subtiler Weise - auszuüben, sind wir nicht gefeit. Darunter fällt für uns auch der "positive Rassismus", mit dem Flüchtlingsfrauen und -männern, Immigrantinnen und Immigranten Eigenschaften zugeschrieben werden, die in unser Bild von ihnen hineinpassen. Sicher besteht auch die Gefahr, daß wir Linke lernen, unser Verhalten äußerlich der Kritik anzupassen, ohne uns um eine gründliche Auseinandersetzung und Veränderung zu bemühen. In ähnlicher Weise haben auch Männer auf die Patriarchatsdiskussion reagiert, ohne sich eigenständig Gedanken zu machen. Aber genau das ist unsere Aufgabe, wenn wir eine Basis für eine Zusammenarbeit mit Flüchtlingsfrauen und -männern, Immigrantinnen und Immigranten schaffen wollen. Das heißt für uns auch, unseren Rassismus offensiv zu thematisieren.

radi: Was steht ihr zu dem "triple-opression"-Ansatz, der u.a.. in dem "3:1" - Papier vertreten wird?

rz: Wir bewerten den "triple-opression"-Ansatz im "3:1"- Papier als einen Versuch, zusammenhängend die unterschiedlichsten Gewaltverhältnisse und ihre wechselseitige Durchdringung darzustellen. Er bringt damit einen theoretischen Ansatz, der sich in der schwarzen Frauen- und Lesbenbewegun in den letzten Jahren entwickelt hat: in die gemischte autonomen und militante Linke. Es ist daher ein wichtiger Text.

Daß er so begeistert aufgenommen wird, was nicht gleichsetzt werden kann mit seiner wirklichen Aufarbeitung und Auswirkung auf das politische Verständnis hauptsächlich von Männern, wundert uns etwas. Vielleicht entlastet er viele Männerherzen, weil er zu den wenigen Ausnahmen von Texten gehört, in denen von männlicher Seite aus der Versuch gemacht wird, 'sich ernsthaft mit Rassismus und Sexismus auseinanderzusetzen und differenzierter Position zu beziehen.

Wir können jetzt auf den "3:1"-Text nicht inhaltlich eingehen, weil wir das nicht so kurz machen können und wollen. Wie aus unseren Antworten deutlich geworden ist, stehen wir in unserer analytischen Herangehensweise diesem Ansatz nicht so fern. Genauere Diskussionen um den Ansatz müssen auch bei uns noch geführt werden.

radi: Die Autorinnen und Autoren des Papiers "Das Ende unserer Politik" knüpften den Erfolg der Flüchtlingskampagne an den eigenständigen .Widerstand der hierhergekommenen Flüchtlingsfrauen und -männer und stellen jetzt frustriert das Ausbleiben solcher Prozesse und Kämpfe fest. Aus dem Papier "Das Ende unserer Politik": "Zwar hatten wir nicht die Hoffnung, daß sich rasche Verbindungslinien zwischen Flüchtlingen und hiesigen proletarischen Schichten ergeben würden, die eine rassistische Spaltung überwinden könnten. Aber wir phantasierten den Willen der Flüchtlinge, in den Metropolen ihren Anteil am gesellschaftlichen Reichtum einzuklagen, als direkten antiimperialistischen Kampf verbunden mit trikontinentaler Widerstandserfahrung und damit als ein mögliches Terrain unserer eigenen Politik. Als die Kämpfe in dieser Form ausblieben, auf die wir hätten Bezug nehmen wollen (wobei wir die vielen "reformistischen" Forderungen von Asylsuchenden leicht übersahen), kompensierten wir dies mit der Analyse der staatlichen Flüchtlingspolitik und mit Angriffen auf deren zugängliche Agenturen. Habt ihr eure Praxis zur Flüchtlingskampagne auf solche Erwartungen gestützt und welche Rolle spielt es für euch, daß die Flüchtlingsfrauen und -Männer sich nicht als das erhoffte Unruhepotential herausstellen? Daß Prozesse zwischen Flüchtlingsfrauen und - männern, unteren sozialen Schichten und radikaler, linker Scene nicht in diesem Maße gelaufen sind, obwohl es durchaus auch Ansätze gibt? Die Erfahrung von Unterstützer- und Unterstützerinnengruppen, die zusammen mit Flüchtlingsfrauen und -Männern gegen die staatliche Unterdrückung und rassistische Angriffe Widerstand leisten, wollen wir keinesfalls unter den Tisch kehren.

rz: Auch die Erfahrungen, die Unterstützer- und Unterstützerinnengruppen . in ihrer Arbeit gemacht haben, zeigen; daß wir einen eurozentristischen Blick haben und positiven Rassismus produzieren. Flüchtlingsfrauen und -Männer, Immigrantinnen und Immigranten kommen zwar teilweise aus Befreiungskämpfen und dem politischen Widerstand ihrer Herkunftsländer. Sie bringen jedoch oft daraus andere politische Erfahrungen mit hierher und sie leben und wehren sich hier auch unter anderen Bedingungen als wir. Das Interesse von vielen Flüchtlingsfrauen und -Männern ist nicht primär hier den antiimperialistischen Kampf (ob mit oder ohne uns) zu führen. Viele Flüchtlingsfrauen und - Männer unterstützen erst mal den Kampf und den Widerstand in ihren Ländern. Oft besteht das Interesse von Flüchtlingsfrauen und -Männern vor allem darin in Europa sicher zu leben und ihre Existenz zu gewährleisten. Daß sie dies häufig auf aus unserer Sicht reformistischen Wegen oder mit Überlebens- und Existenzsicherungstechniken machen, die wir nicht kennen bzw. ablehnen, hängt mit ihren Bedingungen und Interessen zusammen. Daß wir allzu schnell ihre so bedingte politische mit und ihren Widerstand aus unserer Sicht als inakzeptabel ablehnen oder gar nicht wahrnehmen, ist unser Problem. Ein weißes Problem. Diesen "Frust" aus falscher Erwartung haben wir dann zu recht, und er wäre eigentlich Anlaß genug, um uns mit unserem Rassismus und unseren Projektionen auseinanderzusetzen. Wir sollten differenzieren:

  • Zwischen individuellem Fluchtinteresse bzw. Fluchtgründen und der Tatsache, daß eine verstärkte Migration den Herrschenden und der Bevölkerung in den Metropolen ein Problem geworden ist, nämlich ein Problem für ihren Wohlstand und ihre Herrschaft;
  • Zwischen Lebens- und Kampfbedingungen von Flüchtlingsfrauen und männern im Trikont und hier.

Flüchtlingsfrauen und -männer, Immigrantinnen und Immigranten können genauso wenig als homogene politische Gruppe betrachtet werden wie die "Unterklasse", das "Proletariat" oder die Frauen. Sie kommen aus unterschiedlichen Ländern; waren bzw. sind in unterschiedlichen politischen Parteien organisiert, was ihre Zusammenarbeit untereinander auch nicht einfach macht. Das wurde von weißen Linken oft nicht wahrgenommen oder ignoriert. Wenn wir uns auf Flüchtlingsfrauen und - männer, Immigrantinnen und Immigranten beziehen, sollten wir unsere Vorstellungen und Erwartungen gründlicher hinterfragen, da sonst die Gefahr besteht, wir eine auf gesetzte Solidarität üben und paternalistisch (= bevormundend d.S) "Politik machen", statt solidarisch zusammen Widerstand zu entwickeln bzw. zu unterstützen.

radi: Die revolutionäre zelle, die das Papier "Das Ende unserer Politik" schrieb, stellte darin fest, daß in der antirassistischen Arbeit sehr viele Strukturen zusammengebrochen seien, und ihre Kampagne nicht die erwartete Resonanz gefunden hat. Für uns stellt sich das anders dar. Erstens gibt es, zumindest in einigen Regionen wesentlich mehr Gruppen, die sich mit der Problematik beschäftigen, wie '86, als die revolutionären zellen mit ihrer Kampagne begonnen haben. Außerdem sind wir der Meinung, daß die Kampagne ein ganz wichtiger Grund dafür war, daß sich viele Autonome, auch schon vor den jetzt stattfindenden faschistischen Pogromen, in diese Arbeit eingeklingt hatten. Auch wir selbst sind durch die Kampagne sensibilisiert worden. Viele Aktionen in den Jahren '90 und '91 wären ohne die "Vorarbeit" der revolutionären zellen vielleicht so nicht gelaufen. Wie seht ihr das?

rz: Für uns ist die Feststellung, daß viele Strukturen in der antirassistischen Arbeit zusammengebrochen sind, in dieser Allgemeinheit auch nicht nachvollziehbar Es mag sein, daß dies vielleicht für einzelne Städte doch bundesweit betrachtet sieht das eher anders aus.

Ab 90/91 haben viele Menschen aus der radikalen Linken und der feministischen Bewegung begonnen antirassistische Initiativen zu entwickeln oder sich mit Rassismus auseinanderzusetzen. Ob die Flüchtlingskampagne auslösendes Moment dieser antirassistischen Arbeit war ist fraglich. Sicherlich ist es so, daß viele Genossinnen und Genossen zur Flüchtlingskampagne eine positives Verhältnis haben, aber bei der Bekundung von Freude über einzelne Aktionen der revolutionären zellen stehen geblieben sind. Inwieweit die Flüchtlingskampagne auf die jeweilige politische Arbeit indirekt gewirkt hat, ist schwer einzuschätzen und bleibt im Augenblick offen. Eine beiderseitige politische Bezugnahme fand nicht statt. Uns ist keine antirassistische Gruppe bekannt, die sich öffentlich zur inhaltlichen Bestimmung der Flüchtlingskampagne geäußert hat. Wir denken, daß ein viel entscheidenderer Faktor für die Mobilisierung der radikalen Linken der eigenständige Kampf von Flüchtlingsfrauen und -männer war. Sei es der Bettelmarsch der Roma in Nordrhein-Westfalen '90, die Kirchenbesetzung der Roma in Tübingen '90/'9, die Kirchenbesetzungen in Neumünster '91 bzw. in Norderstedt oder die TU-Besetzung in Berlin 91/92. Bei all diesen Aktionen war die Linke gefordert, ihre Parole "Hoch die internationale Solidarität" in die Praxis umzusetzen. Und gerade durch die Unterstützung dieser Kämpfe wurden viele Erfahrungen gemacht, aber auch Fragen aufgeworfen, die bei einigen Gruppen zu einer kontinuierlichen antirassistischen Praxis führten. Was wir besonders gut und wichtig fanden, war, daß viele Gruppen, die Unterstützungsarbeit geleistet hatten, ihre politische Arbeit reflektierten und zur Diskussion stellten. Die weitergehende inhaltliche Diskussion wurde aber nur von antirassistischen Gruppen bzw. von Teilen der radikalen Linken geführt. Die revolutionären zellen trugen bisher dazu wenig bei. Im Gegenteil, die politische Entwicklung in den letzten Jahren wurde von den revolutionären zellen, insbesondere der Gruppe, die das Papier "Das Ende unserer Politik" geschrieben hat, ignoriert.

radi: Mittlerweile bemühen sich Teile der Linksradikalen um einen antirassistischen Politikansatz, einen Ansatz, der sich mit der Antifa-Arbeit verbindet. Gegen die faschistische Offensive und die täglichen Angriffe auf Flüchtlingsfrauen, -männer und ausländische Menschen ist praktischer Antifaschismus und Antirassismus zu einem breit aufgegriffenen Handlungsfeld geworden. Könnt ihr euch vorstellen, als revolutionäre zelle Teil dieser Bewegung zu sein?

rz: Durch die inhaltlichen Überschneidungen ist der Bezug der Flüchtlingskampagne zur Antifa-Bewegung eigentlich hergestellt. Das Entsetzen über die Morde und Angriffe auf Flüchtlingsfrauen, -männer und -kinder, Immigantinnen und Immigranten, obdachlose Menschen, behinderte Menschen und Linke hat vor allem auch für die Zusammenhänge praktische Konsequenzen gehabt: Z.B. Kontaktaufnahme zu Flüchtlingsfrauen und - männern, Schutz vor Wohnheimen, Abwehr von Angriffen und eigene Angriffe auf Faschistenund deren Strukturen. Der Handlungsdruck drängt aber die Reflexion von Fehlern und genaueren Strategien in den Hintergrund. Rassismus und Antisemitismus wurden bisher zumeist innerhalb der Faschismusdiskussion abgehandelt, bzw. hinten angestellt. Auch die Parole: "Gegen Rassismus, Sexismus und Faschismus" ist, was die gemischten Zusammenhänge angeht, nicht wirklich gefüllt. Beim Kampf gegen den Rassismus fällt die Thematisierung des patriarchalen Gewaltverhältnisses wieder häufig weg. Wirksame Strategien gegen das massenhafte Aufbrechen von Rassismus und die rechte Organisierung gibt es noch nicht. Mit der Parole "Schlag die Faschisten, wo ihr sie trefft!", die vor allem in Verhinderungsaktionen von Faschotreffen zum Ausdruck gebracht wurde, kann nicht dem Rassismus in der Bevölkerung begegnet werden. Da gilt es andere Strategien zu entwickeln. Dies beinhaltet natürlich eine Selbstkritik, der sich die revolutionären zellen stellen müssen, da sich der rassistische Konsens in der Bevölkerung genausowenig nur durch Anschläge gegen Institutionen des staatlichen Rassismus aufbrechen läßt. Ob sich also aus Antifa-Zusammenhängen eine kontinuierliche antirassistische Arbeit entwickelt, hängt von einer inhaltlichen Aufarbeitung sowie einer Diskussionsbereitschaft zwischen antifaschistischen und antirassistischen Gruppen ab. Im Kampf gegen die herrschende Flüchtlingspolitik und den Rassismus auf der Straße gibt es genügend gemeinsame Möglichkeiten durch mehr Bezugnahme könnte sich eine stärkere Basis für den Widerstand entwickeln.

radi: Demnächst wird das Asylgesetz erneut verschärft. Zwischen der BRD und Rumänien wurde ein Roma- "Deportationsvertrag", abgeschlossen. Dach werden weniger Flüchtlings - frauen und -männer legal in die BRD kommen können. Viel mehr Flüchtlingsfrauen und -männer werden illegal einreisen und sich hier aufhalten müssen. Wird diese verschärfte Situation bei euch Auswirkungen in Theorie und Praxis haben?

rz: Die Auswirkungen der neuen Asylpolitik auf unsere grundsätzlichen Einschätzungen sind nicht so wesentlich. Die staatliche Politik war spätestens seit '86 unter anderem auf die Illegalisierung von Flüchtlingsfrauen und -männern angelegt. Seither ist es offensichtlich, daß die Politik der Abschottung eine für die Selektion von Flüchtlingsfrauen und -männern ist. Weitere Bausteine dieser Politik sind das Ausländergesetz, das Asylverfahrensgesetz, die Änderung des Artikels 16 GG, usw. Wir denken, das Abkommen mit Rumänien, und die daraus resultierenden Abschiebungenen, ermöglicht auch eine billige Verwahrung eines Teils der Flüchtlingsfrauen und -männer und ein kostengünstiges Abrufen von notwendig werdendem Arbeitskräften. Das Abkommen mit Rumänien hat sicherlich eine Pilotfunktion für andere osteuropäische Länder. Den absolut unerwünschten Flüchtlingsfrauen und -männern bleibt nur noch, sich illegal in Europa zu bewegen und zu arbeiten.

Die Flüchtlingsfrauen und -männer und besonders die Illegalen sind faktisch entgarantiert, hoch mobil, extrem billig und jederzeit austauschbar. Illegale Arbeitskräfte werden von den Herrschenden in Europa schon seit Jahren einkalkuliert. Sie sind für's Kapital in vielen Wirtschaftsbereichen nicht mehr wegdenkbar. Illegale Frauen müssen sich immer häufiger sexistisch verkaufen (Pornoindustie, Prostitution, Ehe, usw.).

Ein weiteres Ziel der rassistischen und sexistischen Arbeits- und Marktpolitik in Europa ist, unter anderem durch die Existenz Illegalen, den Druck zu erzeugen, damit die einheimischen Arbeiter und Arbeiterinnen ihren Marktpreis selbst nach unten korrigieren. Dieser Druck wird noch erhöht durch den aktuellen Angriff auf die Sozikohle, das Wohngeld, die sozialen Leistungen bei gleichzeitiger Erhöhung der Lebenshaltskosten und Steuern? Dadurch geschieht zwangsläufig eine weitere Umverteilung der sozialen Arbeit zu Lasten der Frauen.

Nach Mölln verlangen die Herrschenden, daß die Menschen ihre rassistische Gewalt gegenüber den Arbeitsimmigrantinnen und - immigranten zu unterlassen haben, weil sie hier gebraucht werden. Die Illegalen könnten für den offenen Rassismus ein "neues" Haßobjekt werden, die dann keinen Schutz von gesellschaftlichen Gruppen zu erwarten haben. Deshalb müssen die illegalen Flüchtlingsfrauen und - männer auch ein Bezugspunkt in unserem Kampf gegen Rassismus sein. Es besteht die Notwendigkeit, unsere Sichtweise bezüglich der Lebensbedingungen und Widerstandsstrukturen der illegalen Flüchtlingsfrauen und -männer in Europa zu ändern und auf diesem Hintergrund unsere Praxis zur Unterstützung ihres Kampfes abzuleiten und zu entwickeln. Das staatliche Interesse ist, die Flüchtlingsfrauen und -männer, von den Immigrantinnen und Immigranten zu spalten. Dem müssen wir z.B. durch gemeinsame antirassistische Aktionen entgegenwirken. Den Wegbereitern der rassistischen Selektion - bis hinein in die Gewerkschaften, Grüne und christliche Kreise muß politisch offensiv entgegengetreten werden. Angriffe auf staatliche Institutionen, die Selektion und Abschottung organisieren, genauso wie auf Kapitalrepräsentanten, die direkt von der Arbeitskraft der Illegalen profitieren, sind notwendig.

radi: Randale auf den Straßen und Plünderungsaktionen, der Gebrauch von Mollis, militante Angriffe auf Bullen, vieles, was lange Zeit hierzulande hauptsächlich von Linken praktiziert wurde, wird mittlerweile von den Rechten als Mittel im politischen Kampf benutzt und ist daher nicht mehr eindeutig zuzuordnen. Als Beispiel seien nur die massenhaften Brandanschläge, die Plünderungen und Randale von Rechten (mit Bevölkerungsunterstützung) in Rathenow (Brandenburg) oder die Angriffe von rechten Jugendlichen auf die Bullenwache in Senftenberg genannt. Das Mittel an sich ist nicht mehr nur von links besetzt. Es besteht die Gefahr, daß unsere Aktionen in eine Reihe mit den tagtäglichen rechten Aktionen gestellt werden. Der Anschlag der revolutionären zellen auf das Ausländeramt in Böblingen im August 91 wurde in den Medien als Anschlag von Rechtsradikalen dargestellt. Die Autorinnen und Autoren des Papiers. "Das Ende unserer Politik" vertraten die Ansicht, daß sich der Gebrauch von Feuer und Flamme heutzutage verbiete. Die Aktionen des Traditionsvereins gegen Korbmacher und Hollenberg oder Aktenklau und Aktenvernichtung in Ausländerbehörden sind z.B. Angriffsziele, die sich klar gegen den rechten Apparat richten. Das sind allesamt keine Angriffsziele der Rechten. Wir würden das eher so sehen, daß wir uns ganz genau und phantasievoll überlegen müssen, wie das Ziel jeweils zu erreichen ist. Wenn es z. B. um die ZAST geht bzw. um die Akten und Computerdaten dadrin, ist es vielleicht besser und eindeutiger, die Akten und Disketten rauszuholen, als das Gebäude abzubrennen. Wir finden es gerade heute notwendig, mit solchen Aktionen den von Staat und Wirtschaft propagierten "antirassistischen Konsens der Deutschen" in Frage zu stellen. Für uns wäre es also eher eine Frage der Genauigkeit und nicht des Mittels an sich. Oder wie seht ihr das?

rz: Wie wir schon sagten, sollte kontinuierliche militante ]Praxis nicht nur durch Aktionen sichtbar werden. Die differenzierte inhaltliche Vermittlung unserer Analysen und Ziele sind wesentlicher Bestandteil unserer Politik und von militanter Praxis nicht abtrennbar. Deshalb kann die Frage nach dem Mittel nicht isoliert diskutiert werden. In jedem praktischen Schritt sollte die Notwendigkeit und Möglichkeit einer revolutionären Veränderung hier sichtbar werden, und darin auch die Erfahrung, daß Widerstand möglich ist. Dabei stimmen wir euch zu, daß unser Repertoire um ideenreiche Mittel erweitert werden könnte, wenn die Bedingungen ' en es zulassen. Wann welche Aktionen gerechtfertigt sind, um dem Ziel revolutionärer Gegenmacht näher zu kommen, müssen wir politisch genau bestimmen. Die aktuelle gesellschaftliche Situation muß einbezogen werden, d.h. auch die Tatsache daß Rechte und Faschisten sich ähnlicher Mittel bedienen wie wir. Dadurch werden die Mittel an sich, wie z.B. Brandanschläge, nicht falsch. Entscheidend ist die Vermittelbarkeit von Aktionen, die von verschiedenen Aspekten abhängt. Schon am angegriffenen Objekt sollte eindeutig klar werden, warum und von welcher politischen Seite der Angriff erfolgte. Heute ist es um so wichtiger, die Unterscheidbarkeit zu faschistischen Angriffen sicherzustellen. Z.B. schließt sich deshalb für uns ein Angriff auf nicht bewohnte Lager aus, auch wenn wir für die Abschaffung von Lagern sind. Darüber hinaus sollte die Anwendung der militanten Mittel der Akzeptanz in der Bewegung entsprechen. Bei jeder Aktion muß gewährleistet sein, daß ein Risiko für unbeteiligte Menschen ausgeschlossen ist. Ein weiterer zu berücksichtigender Faktor ist die jeweilige Stärke der Linken und der Stand der antirassistischen Bewegung gesamtgesellschaftlich gesehen Je nach dem Kräfteverhältnis ist die Vereinnahmung und Kanalisierung von Protestpotential innerhalb der Bevölkerung durch Staat und Medien größer oder kleiner. Beispielsweise wird aktuell von den politisch Verantwortlichen die Kampagne gegen Haß und Gewalt inszeniert, um unter anderem damit linksradikale Politik und militante Praxis zu denunzieren und zu isolieren. Wir müssen diesem Versuch durch politische Diskussion und Praxis entgegensteuern (Unseres Erachtens ist das ansatzweise am 8.10.92 in Berlin bei der Weizsäcker Kundgebung gelungen).

radi: Ein Teil des Traditionsvereins schreibt im Papier "Das Ende unserer Politik": "Wir ziehen heute die Konsequenz aus der Erkenntnis, daß die Form und Struktur unseres Kampfes Ausdruck einer bestimmten Phase der Entwicklung der gesellschaftlichen Widersprüche in der BRD nach 1968 war, die unwiderruflich mit dem Zusammenbruch des Realsozialismus und den darauffolgenden Zersetzungsprozessen, der deutschen Wiedervereinigung und der im zweiten Golfkrieg skizzierten "Neuen Weltordnung " ihr Gepräge verändert haben. Die objektive Analyse dessen, was seit 1989/90 historisch gelaufen ist (...) erforderte im Grunde eine , ganz andere Stufe der Organisierung des militanten und revolutionären Widerstands. Aber wir können das nur noch als leeren Anspruch formulieren. In Wahrheit sind wir von der Geschichte überrollt worden."

Die Autorinnen und Autoren ziehen unter anderem daraus die Konsequenz ihre militanten Aktionen, einzustellen. Wir gehen davon aus, daß ihr diese Konsequenz nicht gezogen habt. Heißt das, daß ihr die zitierte Einschätzung nicht teilt oder aus der gleichen Einschätzung andere Schlüsse zieht?

rz: Das Papier "Das Ende unserer Politik" hat uns betroffen gemacht und erst einmal - wohl nicht nur bei uns - eine Verunsicherung ausgelöst. Zusammen mit dem Papier zu Gerd Albartus und dem Papier der raf (vom August 1992) kommt zum Ausdruck, wie schlecht es um die Wechselbeziehung zwischen militanten und nicht-militanten Gruppen steht. Wir wollen die auf geworfenen Fragen und Probleme mit vom Tisch wischen. Wir sehen die Notwendigkeit einer grundsätzlichen Aufarbeitung wie wir es schon gesagt haben. Aufreden Fall sind wir nicht am Ende unserer Politik. Die gesellschaftlichen Widersprüche und Gewaltverhältnisse haben zwar ihr "Gepräge" verändert, aber es sind immer noch die selben und sie sind nicht weniger geworden. Die Erosion der ehemaligen sogenannten sozialistischen Staaten hat eine längere Geschichte, die lange vor '89 begann. Sie war sichtbar, auch wenn der Zusammenbruch nicht so schnell vorhersehbar war. Vor fast 10 Jahren haben die revolutionären zellen und die rote zora in ihrem Diskussionspapier schon Einschätzungen in diese Richtung formuliert (im Papier zur Friedensbewegung) Und wir müssen es nicht betonen, daß wir mit dieser Art von Sozialismus keine Vorstellung einer befreiten Gesellschaft verbinden.

Natürlich haben sich die Bedingungen für linksradikale Politik durch den Zusammenbruch weiter verschlechtert. Nichtkapitalistische Utopien sind für noch weniger Menschen hier als Alternative vorstellbar. Im Gegenteil, viel mehr Menschen reproduzieren nationalistische und rassistische Ideen, und sehen darin eine Lösung , ihrer Probleme. Dadurch ist es schwieriger geworden für linksradikale Inhalt ein Bewußtsein zu schaffen oder über hau t Gehör zu finden. Angesichts der veränderten Verhältnis müssen wir noch mehr gegen das Gefühl von Ohnmacht ankämpfen. Aber weder die Großmachtbestrebungen der BRD, noch die Ausrichtung nach Osten oder die so genannte neue Weltordnung stellen etwas völlig neues dar. Wer von dieser Geschichte überrollt wurde, hatte entweder die Augen fest verschlossen oder gebraucht diese Geschichte jetzt vielleicht nur als Vorwand, um der Mühe mit revolutionärer Politik ein' Ende zu machen. Es ist auch keine Organisierung des Widerstandes auf einer ganz anderen einer "höheren" - Ebene erforderlich, sondern überhaupt erstmal eine tragfähige Organisierung. Wer es aufgegeben hat, die "Wechselbeziehung zwischen legalen und illegalen Kampfmethoden" mitzubestimmen und sie nicht einmal mehr einfordert, darf sich nicht wundern, wenn die "Vermassung" nicht eintritt.

Die Krise der Linksradikalen rührt unseres Ermessens nicht daher, daß sie in den Strudel der Auflösung der ehemaligen Ostblockstaaten gerieten. Unsere Krise begann nicht erst mit der "Wiedervereinigung ". Das Elend und die Fehler linksradikaler Politik - mangelnde Organisierung und verbindliche Strukturen - wurden schon länger kritisiert. Zu all dem ist schon viel geschrieben worden. Alle sind aufgefordert ihren Teil zur Verbesserung unserer Bedingungen beizutragen. Wir sind aber nicht an dem Punkt gelangt, militante Formen des Widerstands von vornherein ad Acta zu legen. Ob und wie es mit linker Politik, ihren Strategien und Kampfmitteln weitergehen wird, wird die gemeinsame zukünftige Diskussion zeigen.

MAIL
http://www.freilassung.de/div/texte/rz/radi147_0393.htm